Huntingtons Theorie vom Zusammenprall der Kulturen und die Gülen-Bewegung

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Wovon leben Sie?

Ich habe oft gebetet: „O Gott, schenke mir und meinen Brüdern und Schwestern in dieser Welt keinen Reichtum! Und mein Herr hat meine Gebete erhört. Natürlich wurden wir nicht in eine Wildnis hinein geboren. Bestimmte Dinge hat uns Gott gewährt. Meine Brüder besaßen eine Druckerei, die sie von meinem Vater geerbt hatten. 55 bis 60 Jahre ging das gut, aber inzwischen arbeiten sie anderswo als Angestellte. Ich kenne ein arabisches Sprichwort, das ihre finanzielle Situation beschreibt: „Wie der Schwanz eines Kamels, der weder länger wird noch kürzer." Ich mache mir um sie keine Sorgen. Ich danke Gott, und ich sage ihnen: „Lebt so mit euren Kindern und sterbt so. Dieser Zustand beweist, dass Gott euren Dienst sehr zu schätzen weiß."

Warum sprechen Sie solche Gebete?

Gott gewährt uns die Gnade, dass die Menschen uns vertrauen. Wenn wir sie dazu aufrufen zu spenden, spenden sie, weil sie uns vertrauen. Gäbe es da jedoch nur die kleinsten Inkorrektheiten, bekämen einige Orte z.B. mehr, als sie brauchen, würde dies das Vertrauen nachhaltig erschüttern.

Schauen Sie, ich fühle mich quasi gezwungen, diese Dinge klarzustellen, da es so viele Menschen gibt, die immer wieder nachfragen: Noch mit 55 Jahren besaß ich kein eigenes Bett. Nachts pflegte ich mir eine Decke überzuschlagen und auf einer Strohmatte zu schlafen. Ich habe stets extrem spartanisch gelebt, was mir heute jedoch auf Grund eines Nervenleidens nicht mehr möglich ist. Ich kann nur noch auf der rechten Seite liegen. Wenn ich auf der linken Seite oder auf dem Rücken liege, spüre ich Druck auf meinem Herzen. Als diese Probleme begannen, kauften meine Freunde mir ein Bett.

Eine weitere Frage, die sich viele stellen, lautet, wie ein Mensch, der in so ärmlichen Verhältnissen lebt, in einem so teuren Land wie den USA über die Runden kommen kann…

Ich möchte es denen, die damit nicht klarkommen – und Sie nehme ich da ganz bewusst aus – erklären. Hinzufügen möchte ich jedoch, dass diejenigen, die solche Fragen stellen, damit meist etwas ganz anderes bezwecken. Ich meinerseits habe jedenfalls noch nie jemanden ähnliche Fragen gestellt, auch denen nicht, die mir bestimmte Dinge unterstellen. Ein Mann wie ich, der an Diabetes leidet und nur 1.200 Kalorien am Tag zu sich nehmen darf, der keine schweren Speisen essen kann und sich weitgehend von Joghurt und Suppe ernährt, kann in den USA von 500 Dollar im Monat leben. Den Stil derer, die mich zu verleumden versuchen, indem sie solche Zweifel säen, halte ich für schäbig und hinterhältig.

Ich sage diese Dinge nicht, weil ich wünschte, ich würde über genug Geld verfügen und nicht auf die Zahlungen für die Urheberrechte an meinen Büchern angewiesen sein. Meine Freunde haben mir dieses Geld [für die Rechte] überwiesen, damit ich hier über die Runden komme. Ich nehme es widerwillig an und verwende es nur für absolut notwendige Ausgaben. Ohne dieses Geld wäre ich nicht in der Lage, hier zu leben. Aber niemand hat das Recht mir vorzuwerfen, Geld für die Rechte an meinen eigenen Büchern anzunehmen.

Sie haben mich gefragt, also werde ich Ihnen offen antworten: Da ich unter einigen Krankheiten leide, haben meine Freunde eine bestimmte Summe Geld auf einem Bankkonto für mich hinterlegt, und sie schicken mir jährlich 30.000 Dollar. Wie ich bereits sage, decke ich damit nur meine Grundbedürfnisse und spende den Rest den Bildungsprojekten – so wie ich es auch anderen Menschen immer wieder empfohlen habe. Was den Teil des Geldes für die Rechte betrifft, das zwar eingefordert, mir aber nicht überwiesen wurde, so habe ich meinen Freunden aufgetragen, es um Gottes willen bestimmten Institutionen und hilfsbedürftigen Menschen zu spenden. Wenn ich diese Welt verlasse und in die Gegenwart Gottes geleitet werde, möchte ich nichts zurücklassen, nicht einmal einige wenige Cent.

Halten Sie es für möglich, dass Huntingtons Theorie vom Zusammenprall der Kulturen Wirklichkeit wird?

Die Ideen, die das Fundament der Theorie Huntingtons bilden, wurden bereits von anderen vorgetragen; als sie dann jedoch in einer neuen Form aufbereitet wurden, die dem Stil und dem Verständnis unserer Zeit entspricht, habe ich gleich gesagt: „Wer mit einem so reißerischen Titel an die Öffentlichkeit geht, dem geht es wahrscheinlich darum, Konflikte zwischen Zivilisationen, Kulturen und Mitgliedern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften zu schüren. Dieser Gedanke kam mir natürlich sofort. Es mag sein, dass ihnen das nicht gelingen wird; aber wenn wir nicht zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen und uns nicht der Tatsache bewusst sind, dass es Menschen gibt, die genau darauf hinarbeiten, Menschen, die weiße Inseln auf der Welt errichten wollen, welche sie dann als Inseln des Friedens bezeichnen, dann wird die Menschheit eines Tages von desaströsen Ereignissen zermalmt werden, die so vernichtend über sie hereinbrechen wie die riesigen Wellen eines Ozeans.

Was für eine Zukunft schwebt denn dieser Bewegung vor?

Jeder fürchtet sich in gewissem Maße vor einem globalen Konflikt. Betrachten wir den Stand der Dinge aus der Warte eine Soziologen oder eines Psychosoziologen, bietet sich uns kein allzu freundliches Bild. Dann sehen wir Leute, die permanent in alten Wunden bohren, Leute, deren Ziel es ist, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Wenn sich die Mitglieder der unterschiedlichen Religions- und Glaubensgemeinschaften den Standpunkten dieser Leute anschließen, dann kann es zu einem solchen Zusammenprall kommen, auch wenn es nicht zwangsläufig dazu kommen muss. Da wir alle Menschen sind, sollten wir versuchen, dieses Problem zu lösen.

Wir müssen Lösungen finden, die so tief wie möglich an den Wurzeln der Konflikte ansetzen. Diese Wurzeln müssen gezogen werden, damit sie nie wieder Unheil stiften können. Betont werden sollten außerdem diejenigen Perspektiven, die Frieden und Entspannung fördern, und Perspektiven, die den Weg zu Übereinkünften und Konsens bereiten.

Wie stellt sich die Situation aus religiöser Perspektive dar?

In den Hadithen finden sich unter dem Oberbegriff Kutub al-Fitan Berichte über Ereignisse, die bis zum Jüngsten Tag stattfinden werden. Mit dieser Art von Berichten bot der Gesandte Gottes zuerst seinen Zeitgenossen, dann aber auch uns Rechtleitung. Er sagte z.B. die Eroberung Istanbuls voraus, und er prognostizierte, dass man in Taleqan Öl finden würde. Aber er prophezeite uns auch, dass sich schlimme Dinge ereignen werden. Er sprach von einem Antichristen, der aus der Christenheit hervorgehen wird, dem Masih ad-Dadschal, der nicht an Gott glaubt und ganze Systeme zerstört, und beschrieb die Zerstörungen, die dieser Antichrist anrichten wird.

Manche haben auch jenen Muslimen, die ihre Mitmenschen zur Esoterik und zum Batinismus [einer esoterischen Bewegung] verführten, zur Last gelegt, sie würden dem Konzept des Dadschal entsprechen. Gleichzeitig gingen andere davon aus, der Dadschal stehe für den Kommunismus, da es Hinweise darauf gibt, dass der Dadschal aus dem Norden kommen wird. Vieles von dem, was verheißen wurde, ist bereits Realität geworden, anderes wartet offenbar noch darauf. Das Ende, auf das die Welt zutreibt, erweckt keinen sehr einladenden Eindruck.

Meinen Sie nicht, dass diejenigen, die an die Prophezeiungen des Propheten glauben, die Hoffnung verlieren könnten?

Diese Dinge wurden den Muslimen vorausgesagt, damit sie die nötigen Vorkehrungen treffen können, nicht damit sie die Hoffnung verlieren und abwarten, welche Katastrophen die Welt wohl heimsuchen werden. Diese Botschaft ruft die Menschen dazu auf, ihre Pflicht als Repräsentanten von Sicherheit, Vertrauen und Frieden zu erfüllen.

Der Gesandte Gottes sagte beispielsweise: Der Tabariya-See wird austrocknen, und die kommenden Generationen werden sagen: „Früher war hier einmal Wasser." Hier verwendet der Prophet eine Metapher. Wenn Experten der Balaghat [der Kunst der Sprache und der Beredsamkeit] seine Aussagen genau analysieren, enthüllt sich ihnen, was er mit diesen Worten sagen wollte. Wenn nun Menschen, die eine Ausbildung in Theologie erhalten haben, die angesprochenen Ereignisse betrachten, geraten sie noch mehr in Sorge, denn sie kennen einerseits die Informationen der religiösen Quellen und betrachten die Vorhersage andererseits aus der Warte von Soziologen. Deshalb halten sie es für unbedingt notwendig, dass Volksverhetzungen gestoppt werden und nicht weiter Zwietracht zwischen den Menschen gesät wird. So versuchen sie einen Wellenbrecher gegen zerstörerische Wellen zu errichten.

Glauben Sie, dass die Bemühungen der Bewegung ausreichen, um diese Wellen zu stoppen?

Wir stammen aus Anatolien, und dieser Weg ermöglicht uns, all unsere Kräfte, Möglichkeiten und Einsichten zu aktivieren. Vielleicht gibt es Menschen mit mehr Weitblick, die bessere Pläne machen können. Falls es sie gibt und sie meinen, mehr bewirken zu können, mögen sie vortreten und sich an die Arbeit machen. Dies ist das Beste, was die Menschen aus Anatolien zu bieten haben. Unser Volk gibt sich größte Mühe, und ich weiß seine Bemühungen sehr zu schätzen.

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