Diese Bewegung ist unabhängig

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Unter normalen Umständen kann eine Bewegung dieser Größenordnung nicht unabhängig bleiben, außerhalb der Politik stehen oder sich äußeren Einflüssen entziehen. Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass es dieser Bewegung offenbar gelungen ist?

In den Augen Gottes liegt unser wertvollstes Kapital im Bewusstsein um unsere Schwäche, Armut und Unzulänglichkeit, und damit in unserem Bedürfnis, Ihn um Kraft zu bitten. Die Leistungen, die [von der Bewegung] vollbracht wurden, lassen sich nicht allein durch Inspiration, Wundertaten, Eingebung oder Genie erklären.

Wir sind uns unserer Mängel und Schwächen, manchmal auch unserer Widersprüche bewusst. Deshalb können wir uns nicht selbst mit diesen Erfolgen schmücken oder sie unserem Verstand zuschreiben. In der Türkei gibt es viel intelligentere Menschen als uns.

Obwohl täglich neue Verschwörungen gegen diese Bewegung ausgebrütet werden, ist zu beobachten, dass die Begeisterung der Bevölkerung unerschütterlich ist und dass die Bewegung selbst ihren Weg besonnen weitergeht. Wir sagen: „Dieses Resultat haben weder unser Verstand noch unser Bemühen hervorgebracht. Gott, der Allmächtige, lenkt unsere Schritte und lässt uns im Dienst an unserem Volk Gutes tun. Dies ist etwas, für das wir Ihm sehr dankbar sind.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, hier noch einmal dankbar darauf hinzuweisen, dass diese Bewegung unabhängig ist. Gerade diese Tatsache macht sie für einheimische und ausländische Forscher so interessant. Die Bewegung in eine Position hinein zu manövrieren, in der sie Außenstehende anbetteln müsste, oder sie in die Politik zu verstricken, würde ihre Unabhängigkeit brechen und ihr Gefüge zum Schwanken bringen. Das wäre sehr gefährlich.

Wertet man es als eine Glaubensangelegenheit, die türkische Kultur, die ja bekanntlich einige tausend Jahre alt ist, oder auch nur die tausend Jahre, in denen jene erstaunliche Expansion stattfand, bekannt zu machen, wertet man es als eine Glaubensangelegenheit, die türkische Sprache zu einer Weltsprache zu machen, dann kann dies nur über Freiwillige erreicht werden. Der Griff nach einem Regierungsamt oder nach der Politik, d.h., der Schritt in die Abhängigkeit von solchen Dingen, würde der Bewegung schaden. In den erwähnten Projekten liegt der Grundgedanke dieser Bewegung. Aber möglicherweise wurden ja einige Handlungen unserer Freunde oder einige ihrer Argumente nicht auf Anhieb richtig verstanden.

Inwiefern wurden sie denn missverstanden? Können Sie einige Beispiele nennen?

Einige sagen z.B. sinngemäß: „Diese Freiwilligen reisen viel in der Gegend herum, tun dabei aber nichts anderes, als Englischkurse zu erteilen.". Wenn sich diese Lehrer aber nicht an die Lehrpläne der Länder, in die sie gehen, hielten, warum ließe man sie dann gewähren. Würde man dann etwa die türkische Sprache in einigen Ländern als Wahlfach zulassen, in anderen sogar zur Pflicht machen? Wir sprechen von Dialog und Toleranz – was ebenfalls oft in Frage gestellt wird -, aber wenn man nicht einen Schritt nach vorn macht, wenn man anderen keinen Respekt erweist und sie nicht so akzeptiert, wie sie sind, oder wenn man ihnen nicht mit einer gewissen Reife begegnet und alles mit ihnen teilt, werden sie von selbst keinen Schritt auf uns zu unternehmen.

Unsere Aktivitäten erleichtern uns die Darstellung unserer Werte. Wer kompromisslos und unnachgiebig ist, wird überhaupt nicht erst in die Position kommen, jemandem etwas zu erklären, selbst wenn er noch so gut organisiert ist. Die künstlichen Gräben zwischen den Menschen sind dafür verantwortlich, dass es uns nicht gelungen ist, hinreichend zu erklären, wer wir sind und was wir wollen. Sie haben uns erst gar nicht die Möglichkeit dazu gegeben und sie haben auch verhindert, dass wir einander näher kommen.

Manche Leute mögen unsere Aktivitäten merkwürdig finden, aber sie alle werden um eines erhabenen Ideals willen unternommen: Wir möchten uns mit ihnen selbst artikulieren, der Welt neue Strukturen schenken und, auf lange Sicht, das von Leuten wie Huntington beschworene Chaos-Szenario verhindern.

Ein Zitat von Semsettin Gunaltay, das Sie in einem früheren Artikel verwendeten, wurde in der Presse heiß diskutiert… [Anmerkung des Übersetzers: Einige Kolumnisten in der türkischen Presse beschuldigten Gülen, Gunaltay zitiert zu haben, ohne seine Quelle zu benennen.]

Ich habe wiederholt betont, dass ich von unterschiedlichen Menschen profitiert habe, von Gunaltay, Nurettin Topcu, Necip Fazil, Mehmet Akif u.a.. Ich habe Ismail Safas Gedicht über den Koran und die Arbeiten von Peyami Safa mit großem Vergnügen gelesen. In all diesen Werken gibt es Dinge, die ich gutheiße, und solche, die ich nicht gutheiße. Die Autoren, die ich gelesen habe, kritisieren sich auch untereinander. Necip Fazil, den wir so bewundern, beispielsweise ging in seinem Buch Rapor sehr hart mit Topcu ins Gericht. Anstatt mich auf das Negative zu konzentrieren, ziehe ich es vor, beiden Seiten etwas Gutes abzugewinnen. Mehmet Akif hat mich mit seinem Weitblick, seiner Aufrichtigkeit, seinen Ängsten und dem Rahmen, den er für das Bildungssystem vorschlug, schon vor dem Risale-i Nur beeinflusst.

Das Gleiche gilt für Semsettin Gunaltay. Er war eine Zeit lang Ministerpräsident. In seiner Amtszeit wurde die Theologische Fakultät Ankara eröffnet. Leider scheint er auch Artikel 163genehmigt zu haben. [Anmerkung des Übersetzers: Dieser Artikel des türkischen Strafgesetzbuchs wurde 1992 aufgehoben. Auf seiner Basis waren viele Menschen unter dem Vorwurf in Haft genommen worden, „religiöse Ideologien zu verbreiten und zu fördern, um so die Grundstruktur des Staates zu verändern."] Wie gesagt, es gibt Dinge, die ich billige, und solche, die ich nicht billige. An dieser Stelle möchte ich jedoch etwas klar stellen.

Wenn ein Mensch viel Zeit mit anderen Menschen (oder ihren Arbeiten) verbringt, dann kommt das seinem Intellekt zu Gute. Man lässt deren Gedanken in die eigenen mit einfließen und bringt sie, ohne dass man sich dessen bewusst wäre, auf ganz eigene Art und Weise zum Ausdruck. Vielleicht benutzt man sogar die gleichen Worte. In der Dichtkunst verwendet man für dieses Phänomen den Begriff Tevarud. [Anmerkung des Übersetzers: Der Begriff Tevarud in der türkischen Dichtkunst bezeichnet die genaue Übereinstimmung einer Zeile oder eines Verspaares bei zwei Dichtern.] Manchmal nennt man dies einen Stil, von dem man nicht weiß, zu wem er gehört, oder man sagt einfach: „So heißt es in den Worten von diesem oder jenem."

Ich z.B. fasse, ohne weiter darüber nachzudenken, etwas in Worte, das später in Büchern erscheint. Aber wenn ich es dort dann lese, fällt mir auf, dass ich die gleichen Aussagen mache wie das Risale-i Nur, da dieses meinen Verstand so sehr beschäftigt. Die Bedeutungen, Andeutungen und Konzepte, die Mehmet Akif für seine Gedichte wählte, sind inzwischen so oft auch in Prosatexten aufgetaucht, dass ich beliebig viele Beispiel dafür zitieren könnte.

Können Sie das bitte anhand eines Beispiels verdeutlichen?

Man denke nur an folgende Regel in der Majalla [dem osmanischen Gesetz, das im 19. Jahrhundert entwickelt wurde]: „Verbotenes ist erlaubt, wenn es unbedingt notwendig ist" Ich verwende nicht unbedingt exakt die gleichen Worte, aber ich sage: „Wenn die Menschen unter bestimmten Problemen leiden, wenn sie oder ihre Familie in Todesgefahr geraten, dann sind unter diesen Bedingungen bestimmte Dinge erlaubt, die sonst verboten sind." Obwohl ich nicht die gleichen Worte wähle, bringe ich Dinge zum Ausdruck, die mit dieser Regel verbunden sind. So wie in diesem Beispiel sind wahrscheinlich eine ganze Reihe von Andeutungen und Bedeutungen in unseren Sprachgebrauch übergegangen.

Bestimmte Dinge habe ich von allen Autoren, die ich gelesen habe, im Kopf behalten; von Sartre ebenso wie von Camus und sogar aus dem Buch Die Lilie im Tal von Balzac, dessen romantischer Stil mir eigentlich gar nicht gefallen hat.

Den Artikel, der für so viel Ärger gesorgt hat und wegen dem man üble Verdächtigungen gegen mich ausgesprochen hat, habe ich einem Freund 1984 diktiert. In jenen Zeiten habe ich nie meinen Namen unter meine Artikel gesetzt. Auch andere Freunde, die Beiträge für die Zeitschrift Sizinti schrieben, wählten bescheiden einen Alias oder veröffentlichten sie ganz anonym, um nicht den Eindruck zu erwecken, den veröffentlichten Artikel als ihr persönliches Eigentum zu bezeichnen.

In den Leitartikeln weder dieser einer Ausgabe noch anderer Ausgaben wird auch nur einziges Mal der Name eines Autors genannt. Wenn wir schrieben, dachten wir nicht in Kategorien von Ich, Du, Er oder Sie. Vielmehr ging es uns darum, Gedanken und Ideen, die wir für nützlich hielten, mit unserem Volk zu teilen. Der Herausgeber dieser Zeitschrift hat außerdem bereits erklärt, dass der Korrektor während des Satzes irrtümlicherweise den Zusatz „Gunaltay zufolge" hat unter den Tisch fallen lassen.

Beschuldigungen, die all diese Faktoren ignorieren, sind in meinen Augen herzlos.

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