Der islamische Prediger Fethullah Gülen spaltet die Türkei: Ist er ein Hoffnungsträger für eine moderne Gesellschaft? Oder ist er nur ein Demagoge, der die Türkei in einen Gottesstaat verwandeln will? Getroffen haben ihn bisher wenige, denn der Imam schirmt sich in seinem amerikanischen Exil vor der Öffentlichkeit ab. Unser Reporter durfte Gülen ausnahmsweise besuchen – er hat selbst vor vielen Jahren eine Gülenschule besucht.

Mitten im grünen US-Bundesstaat Pennsylvania, zweieinhalb Autostunden von New York entfernt – man fährt einen Highway entlang, über den Gleitschirme in Sternenbannerfarben schweben – liegt der Ort Wind Gap. Hier leben Väter, die ihre Kinder im Einkaufswagen vom Supermarkt zum Dodge 4×4 fahren und mit dem Dodge 4×4 zu Wendy’s Old Fashioned Hamburgers.

In der verschlafenen Nachbargemeinde Saylorsburg lebt Fethullah Gülen, einer der einflussreichsten Türken der Gegenwart.

Gülen,71, ist ein charismatischer Prediger. Seine geschätzten fünf Millionen Anhänger – Grundschullehrer, Wirtschaftsbosse, Studenten, Pistazienverkäufer – nennen ihn Hocaefendi (Hodschá Eféndi), „verehrter Lehrer“. Er hat eine weltweite Bildungsbewegung initiiert, die in mehr als 120 Ländern Schulen, Universitäten und Kulturzentren unterhält, dazu ein mehrsprachiges Medienimperium, ein Hilfswerk und ein Dialogforum, dem schon mal Bill Clinton seine Videogrüße schickte. Für viele Türkei-Kenner ist Gülen ein Hoffnungsträger, der die islamische Welt mit dem Rest der Welt versöhnen könnte.

In den Augen seiner Kritiker dagegen ist Gülen ein reaktionärer Sektenführer mit politischen Ambitionen. Einer, der von seinem amerikanischen Exil aus die türkische Republik in einen Gottesstaat verwandeln will, wo junge Menschen nicht einmal mehr Händchen halten könnten. Einer, der mit seinen Schulen den Erdball islamisieren will. Ein Wolf im Schafspelz.

Viele reden über Gülen – auch in Deutschland – aber bis auf seinen engsten Kreis kennt ihn keiner. Seit elf Jahren lebt er zurückgezogen in den USA und meidet die Presse. Anfang Juni, kurz nachdem israelische Spezialkommandos eine internationale Hilfsflotille für Gaza gestürmt hatten, meldete er sich zum ersten Mal seit Jahren zu Wort. Der bedeutendste Islamgelehrte der Türkei kritisierte im Wall Street Journal – nein, nicht die Israelis, sondern die türkischen Organisatoren der gescheiterten Hilfsaktion: Die hätten sich mit der Regierung in Tel Aviv absprechen sollen, anstatt Israels „Autorität herauszufordern“.

Dass nun der Autor dieser Zeilen Gülen besuchen, mehr noch: vier Tage an seiner Seite verbringen konnte, liegt vor allem an einer Tatsache: Ich bin selbst Absolvent einer Gülen-Schule, des Russisch-Türkischen Lyzeums zu Sankt Petersburg. Ich bin befreundet mit einem von Gülens Neffen. Er ermöglichte den Termin und machte Fotos von dieser Begegnung. Er sagte: „Hocaefendi hat negative Erfahrungen mit der Presse gemacht. Aber Sie kennen die Bewegung von innen. Ihnen vertraut er.“

Man kann das als problematisch empfinden: Da geht ein Gülen-Schüler, seine journalistische Integrität opfernd, seinem großen Meister auf den Leim. Ergebnis: ein PR-Text. Man kann es aber auch anders sehen: Da versucht einer, der sich im Alter von 13 Jahren auf das Experiment einließ, als Russe eine türkische Schule zu besuchen, seine eigene Kindheit einzuordnen.

Warum gründet eine Handvoll bestausgebildeter Mittzwanziger vom Bosporus eine Schule in Sankt Petersburg? Und eine in Addis Abeba. Und eine in Bischkek. Und eine in Tokio. Wie löst ein Imam mit vier Klassen Grundschule eine weltweite Bildungsinitiative aus? Und dann schaffen es die Absolventen dieser Schulen nach Harvard. Kinder aus Tadschikistan, aus Mazedonien. Und der Autor, geboren in einer Leningrader Einzimmerwohnung mit kaputter Heizung, schreibt hier für die Süddeutsche Zeitung . Geht das mit Gottes Hilfe?

Ich bin nach Saylorsburg aufgebrochen, weil ich den Verdacht hatte: Gülen ist ein großer Visionär, der zu oft missverstanden wurde. Der umstrittene Sufi-Meister lebt in einem zweistöckigen dunkelrot gestrichenen Holzhaus mit quietschenden Holztreppen, in dem täglich Dutzende, gefühlte Hunderte seiner Anhänger zirkulieren, um mit dem Hocaefendi zusammen zu beten und seinen Predigten zu lauschen. Junge Geschäftsleute und betagte Lehrer, Fußballnationalspieler mit gegeltem Haar und Fernsehserienstars in legeren Hemden, aus denen Brusthaare hervorlugen. Sie alle kommen, weil sie Gülens Vision bewundern und ein Teil davon sein wollen.

Ich bin gekommen, um seine Vision zu verstehen. Gülen, ein weißes Häkelkäppchen auf dem Kopf, streifende, aufmerksame Blicke, empfängt in einem geräumigen hellen Saal neben seinem Zimmer im zweiten Stock. Er hat einen beigen Talar an und weiche braune Lederschuhe. „Wer ist der junge Mann?“ fragt sein Blick. Ihm werden jeden Tag viele junge Männer vorgestellt, und alte auch. „Der Absolvent ausPetersburg“, sagt Cevdet Bey, der hier Besucher filtriert und als Einziger im Haus seine Ehrfurcht vor dem Hocaefendi in protokollarischer Routine aufgehen lässt. „Er schreibt für eine deutsche Zeitung.“ Die Reihenfolge bei der Vorstellung bestimmt den Verlauf der nächsten vier Tage. Gülen nimmt mich zuerst mehr als Absolventen wahr und weniger als Journalisten. Er fragt noch, wie groß die Auflage der SZ sei, und vergleicht sie mit der der Washington Post. Aber dann will er lieber selber zuhören und wissen, wie es damals war in Sankt Petersburg, einer Stadt, die er nie besucht hat. Und ich erzähle.

Wie wir am 21. Juni 1999 unsere Abschlussfeier in einem barocken Palast am Newski-Prospekt hatten, russische Jugendliche und türkische Lehrer, die sich im Unterricht auf Englisch verständigten und einander in den Pausen ihre Muttersprachen beibrachten. Russland und die Türkei: zwei historische Erzfeinde, fünf Kriege, genetisch vererbte Vorurteile. Ich erzähle, wie wir an diesem Abend eine schlafwandlerische türkische Romanze sangen über die Liebe einer Istanbuler Dame zu ihrem Sekretär, und unsere Lehrer sangen „Kalinka“. Wie das Publikum lachte und weinte, und später ein Schiff die Festgesellschaft auf der Newa spazieren fuhr, durch die weiße Nacht und unter den hochgeklappten Brücken hindurch, und die Gäste erzählten sich in der Dämmerung Geschichten. Ostanatolische Politiker, deren Großväter einst gegen die Zarentruppen gekämpft und deren Väter Lebensmittelvorräte angelegt hatten für den Fall einer Sowjetinvasion, und russische Nuklearphysiker, die dachten, in der Türkei gäbe es, bis auf die Harems, nichts Schönes. Und wir Jungen dolmetschten. Gülen hört zu, seine Augen lächeln, seine Lippen bewegen sich nicht. Er nickt. Er sagt nichts. Aber ich weiß, woran er denkt, wenn ich ihm vom Juni 1999 erzähle.

Drei Tage vor unserer Abschlussfeier hatte nämlich ein türkischer Privatsender eine Collage aus Gülens Predigten ausgestrahlt. Die Botschaft: Dieser Imam will unsere laizistische Republik unterwandern, das Erbe des Mustafa Kemal Atatürk. Ein Sakrileg. Innerhalb weniger Tage bliesen Zeitungen, die sich früher um ein Interview mit dem Hocaefendi gerissen hatten, den Popanz eines islamistischen Sektengurus auf. Egal, dass Ministerpräsident Bülent Ecevit – eine Ikone des Laizismus – anderer Meinung war. Gülen weilte damals seit Monaten in den USA, wegen gesundheitlicher Probleme. Sein Blutzucker spielte verrückt, sein Herz schwächelte; die Ärzte drängten auf eine Bypass-OP. Die Medienhysterie zu Hause bekam er trotzdem mit – und entschied, in Amerika zu bleiben.

„Sie haben mich gejagt wie den Jean Valjean in ,Les Miserables‘.“ Gülens Hände greifen zu einem kleinen Ventilator auf dem Tischchen mit Pillen und Büchern. Es ist heiß, und durch das geschlossene Fenster dringt das Gekreische der benachbarten Kartbahn. „Was ich erlebt habe, das reicht für 50 Leben.“

Der Sohn eines ostanatolischen Dorf-Imams. Kommt auf die Welt, als in der kemalistischen Türkei die religiöse Unterweisung von Kindern verboten ist. Die Mutter bringt ihm im Alter von vier Jahren das Lesen des Korans bei – nachts, im Kuhstall. Mit 14 gibt er seine erste Predigt, mit 20 ist er selber Imam im Staatsdienst. Dann Izmir, Anfang der 1970er Jahre. An der Ägäis-Küste legt Gülen die Grundlagen dessen, was heute die Gülen-Bewegung heißt – selbst hat er diesen Ausdruck nie benutzt: „Ich würde so eine Bewegung nicht einer einzigen Person zuschreiben. Vielleicht sollte man sie die Bewegung der Freiwilligen nennen.“ Gülen gründet Wohnheime für bedürftige Jugendliche, die sich gemeinsam auf Prüfungen vorbereiten und religiöse Texte lesen, finanziert von frommen Geschäftsleuten. Später entstehen daraus die erfolgreichsten Privatschulen des Landes. Dann wird Gülen plötzlich per Haftbefehl gesucht. Der Militärputsch 1980 ist an kaum jemandem in der Türkei spurlos vorbeigezogen. Gülen versteckt sich vier Stunden in einer Mauernische, kauernd, bis er seine Beine nicht mehr spürt. Er überquert nachts die türkisch-syrische Grenze, durch verminte Felder. Bis sechs Jahre später herauskommt: Gegen Gülen liegt nichts vor, ein Fehler der Putschbürokratie.

Wenn Gülen über seine Vergangenheit redet, etwa mit seinen Anhängern beim abendlichen Gespräch über Gott und die Welt, bei dem Sahlep serviert wird, das süße, milchige Getränk, dann fasst er sich kurz. In seinen Predigten kann er druckreif sprechen – lange, oszillierende Sätze, die meistens am richtigen Punkt zum Stehen kommen. Die Vergangenheit aber lässt Gülen nie an sich heran, er schwelgt nie in seinen Erinnerungen. Er erzählt, weil andere das hören wollen.

Über seinen Aufstieg zum Hocaefendi und über seine Predigten in großen Istanbuler Moscheen spricht er nicht. Was er predigte, ist auf Band, im Internet. Er predigte Versöhnung zwischen rechts und links, zwischen Kurden und Türken, zwischen Wissenschaft und Religion. Seine „Stiftung der Journalisten und Autoren“ brachte Intellektuelle zusammen, die sich sonst in den Haaren lagen. Ministerpräsidentin Tansu Ciller lud Gülen zweimal ein, um seine Meinung zu hören.

1995, als ich in Petersburg das türkische Alphabet paukte, ließ Gülen in Istanbul ein internationales Fußballspiel zugunsten bosnischer Kriegskinder ausrichten. Er verfolgte das Spiel Seite an Seite mit Maradona. Mit den Erlösen wurde im zerschossenen Sarajewo eine Schule gegründet, in der seitdem bosnische und serbische Kinder unter einem Dach unterrichtet werden. 1998 traf Gülen als erster türkischer Geistlicher den Papst, um ein Signal für interreligiösen Dialog zu setzen.

Ein Jahr später wurde er aus dem eigenen Land hinausgeekelt.

„Sie haben mich gejagt.“ Den Ventilator legt er nun zur Seite. „Gejagt“.

Fethullah Gülen überlebte im Exil knapp einen Herzinfarkt. Vor zwei Jahren kam der Freispruch in einem Prozess, der in Abwesenheit geführt wurde. Der Staatsanwalt hatte seine Klage auf die Werke eines „Experten für reaktionäre Bewegungen“ gestützt, der aber daraufhin erklärte, Gülen sei eigentlich ein Verfechter der laizistischen Republik. Auch das Zitat aus der Predigtcollage, die im Juni 1999 Aufruhr in den Medien verursacht hatte – Gülen wies darin seine Anhänger angeblich an, sich in Staatsinstitutionen „einzuschleichen, bis ihr alle Machtzentren erreicht habt“ – fand das Gericht nicht überzeugend. Gülen sagt, die Aufnahmen wurden manipuliert, um ihm zu schaden. Er habe seine Anhänger immer dazu aufgerufen, aktive Bürger zu sein und keine Eremiten. Unternehmen zu gründen, Militärdienst abzuleisten, in die Oper zu gehen und, ja, auch in die Politik. „Was ist daran gesetzeswidrig?“

In Gülens Zimmer stehen Gläschen mit türkischer Erde und Modelle von F-16 -Kampfjets der türkischen Luftwaffe, die man bei einem Fliegerschüler vermuten könnte. „Er hat ein Faible für Kampfflugzeuge“, sagt sein Neffe, der mir das knapp vierzig Quadratmeter große Zimmer zeigt, während Gülen sich im Saal mit einem UN-Beamten unterhält, einem hochrangigen Pakistaner ohne Krawatte. Für dieses Zimmer zahlt Gülen, der für seine Bildungsprojekte Millionen Menschen und Milliarden Dollar mobilisiert hat, pünktlich Miete. Der Raum ist mit einem Bücherregal in Schlafzimmer und Arbeitszimmer geteilt, auf dem Boden liegt eine Strohdecke. Die türkische Stiftung, der das Haus gehört, wäre glücklich, dem Hocaefendi die Miete zu erlassen. Aber Gülen sagt: „Ich will niemandem etwas schulden.“ Auch in der Türkei besitzt er keine Wohnung. „Ich will nichts besitzen auf Erden, was ich nicht mit ins Grab nehmen kann.“ Er hat mehr als 60 Bücher veröffentlicht, viele davon sind Sammlungen seiner populären Predigten. Die Autorentantiemen spendet er, nach Abzug der Mietkosten, an bedürftige Studenten.

Ich würde gerne mit Gülen spazieren gehen. Das Haus steht auf einem beschaulichen Anwesen, 125 000 Quadratmeter Fichten, Kastanien, Eichen, ein Bach plätschert in einen kleinen See, Eichhörnchen bleiben auf Laubengeländer sitzen. Aber er geht hier fast nie spazieren. Er zieht seinen schwarzen Anzug an und macht sich an die Arbeit, es warten noch Bücher auf Publikation.

Nach vier Tagen prägen sich bei mir zwei Eindrücke ein. Erstens: Fethullah Gülen empfindet seine eigene Prominenz als lästig. Zweitens: Fethullah Gülen ist ein einsamer Mensch. Es gibt etwas, das seine Kritiker und seine Anhänger gemeinsam haben: Sie stellen Gülen auf ein Podest. Kritiker neigen dazu, ihn zu dämonisieren. Gülens Anhänger lassen sich dazu hinreißen, ihren Hocaefendi anzuhimmeln. Seine Worte werden nicht hinterfragt; spricht er zu leise, bittet ihn keiner, er möge bitte lauter reden. Viele Besucher in Pennsylvania versuchen vergeblich, seine Hand zu küssen, einige trinken, wenn er den Raum verlässt, sein Zitronenwasser aus. Ein Unternehmer hat schicke Uhren mit seiner Signatur herstellen lassen.

Fethullah Gülen kann das kaum gewollt haben: berühmt werden, wichtig sein. In seinen Predigten, die sich jede Woche Millionen Türken weltweit im Internet herunterladen, betont er die Tugend der Bescheidenheit. „Man sollte in dem Bewusstsein leben, jede Sekunde von Allah gesehen zu werden.“ Vor Allah sind alle klein. Wer sich groß sieht, den wird Allah kleinmachen. Schnellt bei Gülens Hereinkommen jemand auf, zuckt sein glattrasiertes Gesicht in fast physischer Qual zusammen.

Gülens Dilemma liegt wohl in der freiwilligen Natur der Bewegung. Seine Anhänger brauchen, um motiviert zu bleiben, eine charismatische Galionsfigur. Für seine Verehrer kann die Reise nach Pennsylvania bedeutender sein (nicht jeder bekommt einen Termin) als die Pilgerfahrt nach Mekka (geht immer). Die gesellschaftliche Dynamik, die Gülen ausgelöst hat, lässt ihm keinen Platz übrig außerhalb des Podestes. Auf Podesten kann es einsam werden. Gülens Einsamkeit ist die eines Menschen, der mehr verehrt wird als verstanden. Beziehungsweise, von seinen Kritikern, mehr verteufelt wird als verstanden. Am schwierigsten ist es für Außenstehende, Gülen zu begreifen.

Auf den ersten Blick scheint klar zu sein, wofür er steht: für eine Bildung, die es nicht dabei belässt, junge Hirne und Ellenbogen für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Es gehört eine Vision dazu, damit Absolventen der besten türkischen Universitäten, während die türkische Armee PKK-Stellungen in den Kandil-Bergen bombardiert, kurdischen Dorfkindern in der Osttürkei und Nordirak Englisch und Windows Vista beibringen. Nur: Wie macht Gülen das?

Warum spendet ein anatolischer Kleinunternehmer zehn bis dreißig Prozent seines Einkommens an eine türkische Schule in der thailändischen Pampa? Warum wandert ein Absolvent der Elite-Universität Bogazici, anstatt seinen Master in Boston zu machen, nach Ulan Bator aus und unterrichtet für 500 Dollar mongolische Kinder?

„Allah rizasi icin“, sagt Gülen. „Um das Wohlwollen Gottes zu erlangen.“

Als Gülen das einem amerikanischen Justizbeamten sagte, der ihn im Zusammenhang mit dem Prozess in der Türkei befragte, kam die Dolmetscherin an ihre Grenzen. Allah rizasi icin. Sieben Silben, eine weltweite Bewegung.

Das „Wohlwollen Gottes“ ist für die meisten Menschen keine Kategorie, die über den alltäglichen Altruismus hinausgeht. Vielleicht könnte man das so erklären: Gülen empfindet eine tiefe, persönliche Scham angesichts des heutigen Zustands der muslimischen Welt. Es tut ihm weh, dass Islam mit Terror und Ignoranz assoziiert wird. Er glaubt, dass man die Misere – „Bin Laden ist einer der Menschen, die ich am meisten hasse!“ – am ehesten mit Bildung lösen kann. Gottes Wohlwollen heißt nicht Punkte sammeln fürs Paradies, sondern eine Aufgabe zu erledigen, welche die meisten Muslime gar nicht als ihre eigene empfinden.

Gülen hebt etliche Scheinwidersprüche auf. Er ist gottesfürchtig, legt aber großen Wert auf die Naturwissenschaften: „Wer Mathematik und Physik nicht versteht, versteht auch den Koran nicht.“ Mit der Evolutionstheorie kann er zwar persönlich nichts anfangen, aber Darwin steht auf dem Lehrplan vieler Gülen-Schulen. Er ist stark verwurzelt in der türkisch-osmanischen Kultur – und handelt kosmopolitisch. Es gibt Leute unter Gülens fünf Millionen Anhängern, denen die ganzen geistigen Spagate zu viel sind. Menschen, die sich über „die vielen Schwarzen“ am Flughafen von New York beschweren. Verehren ist eben nicht gleich verstehen.

Beim letzten Gespräch in seinem Zimmer frage ich Gülen, wie lange er noch hier bleiben wird, in Saylorsburg, wo er mehr wohnt als lebt? Gülen sagt, die Türkei sei immer noch von Erbitterung zerrissen: „Zorn zerstört das Gleichgewicht.“ Möglich ist, dass er bei seiner Ankunft in Istanbul von jubelnden Mengen empfangen wird, während ein Teil der Medien und der Justiz die Kanonen herausfährt. Möglich ist auch, dass die bittersten Feinde von Gülen bald selber auf der Anklagebank landen – als Mitglieder des antidemokratischen Geheimbundes Ergenekon, dem gerade der Prozess gemacht wird. Möglich ist alles in der Türkei. Gülen sagt: „Ich werde zurückkehren, sobald die Umstände günstig sind.“

Dann signiert er mir noch ein Buch. Ganz privat.

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