Tasawwuf oder Sufismus

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Tasawwuf oder Sufismus (die im Deutschen bevorzugte Übersetzung) ist der Name des Weges, auf den sich die Sufis begeben, um Gott zu erreichen.

Während der Begriff tasawwuf normalerweise den theoretischen oder philosophischen Aspekt der Suche nach der Wahrheit bezeichnet, wird die praktische Seite normalerweise durch den Ausdruck ,Derwisch sein’ umschrieben.

Tasawwuf wurde schon auf verschiedene Art und Weise definiert. Manchen zufolge bedeutet tasawwuf die Aufhebung von Ego und Selbst-Zentriertheit des Menschen durch den Allmächtigen Gott und seine spirituelle Wiedererweckung durch das Licht Seines Wesens; mit anderen Worten, die Vernichtung des menschlichen Willens und die anschließende Lenkung durch Seinen Willen. Ein anderer Ansatz zur Definition von tasawwuf sieht diesen als kontinuierliches Bestreben, alle fehlerhaften Grundsätze und schlechten Verhaltensweisen über Bord zu werfen und sich stattdessen gute Eigenschaften anzueignen.

Junayd al-Baghdadi, ein berühmter Sufimeister, definiert tasawwuf als einen Weg, sich „die Selbstaufhebung in Gott und „Beständigkeit oder Existenz mit Gott" ins Gedächtnis zurück zu rufen. Einer anderen Definition zufolge heißt tasawwuf, ewig mit Gott zusammen zu sein oder sich in Seiner immer währenden Gegenwart aufzuhalten und dabei nichts Weltliches oder Außerweltliches anzustreben. Tasawwuf ist der Widerstand gegen die Versuchungen des fleischlichen Selbst und schlechter moralischer Eigenschaften und der Versuch, sich lobenswerte moralische Eigenschaften anzueignen.

Es gibt auch einige, die tasawwuf als ,über die (äußere) Realität der Dinge und Ereignisse hinaus sehen’ und ,als Interpretation von allem was sich (in der Welt) in Bezug auf Gott tut’ beschreiben. Weiterhin gilt als tasawwuf, jede Handlung des Allmächtigen als ein Fenster zu betrachten, durch das man Ihn ,schauen’ kann, sein Leben in ständigem Bemühen zu leben, Ihn durch einen tiefgründigen, spirituellen ,Blick’, der sich nicht mit physischen Begriffen wiedergeben lässt, zu sehen oder zu schauen und sich schließlich ganz darüber bewusst zu sein, ständig von Ihm gesehen zu werden.

All diese Erklärungsversuche können folgendermaßen zusammengefasst werden: Tasawwuf bedeutet, dass man durch die Befreiung von den Übeln und Schwächen, die dem Menschen eigen sind, und durch die Aneignung von Eigenschaften der Engel sowie durch Gott gefälliges Verhalten, sein Leben in Übereinstimmung mit den Erfordernissen des Wissens um Gott und mit der Liebe zu Ihm und im spirituellen Entzücken, das so entsteht, lebt.

Tasawwuf gründet auf die Befolgung der Regeln der Sharia und auf die Durchdringung ihrer (inneren) Bedeutungen. Auch gute Umgangsformen sind erforderlich. Ein Eingeweihter oder Reisender auf dem Pfad (arab.: salik), der erfolgreich ist, kann niemals die äußere Befolgung der Sharia von ihrer inneren Dimension trennen; er erfüllt beide, die inneren wie auch die äußeren Aspekte der Religion. Durch eine solche Befolgung reist er in äußerster Demut und Ergebenheit seinem Ziel entgegen.

Tasawwuf ist ein Pfad, der zur Kenntnis Gottes führt, und ein Weg, der Ernsthaftigkeit (von Ziel und Richtung) erfordert. Für gleichgültiges oder leichtfertiges Verhalten bietet er keinen Platz. Er verlangt vom Eingeweihten, ähnlich wie die Honigbiene, die ständig vom Bienenstock zur Blume und wieder zurück fliegt, ausdauernd um die Kenntnis Gottes zu ringen. Er sollte sein Herz von allen anderen Bindungen als der Suche nach Gott reinigen und allen Neigungen, Wünschen und Gelüsten des fleischlichen Selbst widerstehen. Er sollte auch sein Leben auf spiritueller Ebene mit der Bereitschaft, Göttlichen Segen zu empfangen, und in strikter Befolgung des Beispiels des Propheten führen. Er sollte seine eigenen Interessen zu Gunsten der Ansprüche Gottes, der Wahrheit, zurück stellen und dabei aufrichtig seine Bindung und sein Festhalten an Gott bekennen.

Nach diesen einleitenden Definitionen sollten wir nun das Ziel, den Nutzen und die Prinzipien des tasawwuf diskutieren:

Tasawwuf erfordert strikte Befolgung der religiösen Pflichten, Enthaltsamkeit in der Lebensführung und den Entschluss, allen tierischen Trieben zu entsagen. Tasawwuf bedeutet, auf einer spirituellen Ebene zu leben, und erreicht dieses Ziel durch die Reinigung des menschlichen Herzens und die Entwicklung der Sinne und Fähigkeiten auf dem Weg zu Gott. Tasawwuf befähigt den Menschen, durch die ständige Ausübung der Praktiken zur Verehrung Gottes, sein Bewusstsein, ein Diener Gottes zu sein, zu vertiefen. Er befähigt den Menschen, auf die vergängliche Dimension der Welt und ihre den Wünschen und Launen zugekehrte Seite zu verzichten; er macht ihn aufnahmebereit für die andere Welt und die Seite jener Welt, die den Wunderbaren Göttlichen Namen zugewandt ist.

Der Nutzen von tasawwuf liegt darin begründet, dass der Mensch die Engelsseite seiner Existenz weiter entwickelt und sich ein starkes, tief empfundenes und erfahrenes Bewusstsein um die Wahrheit und die Glaubensartikel aneignet, welche er anfangs nur oberflächlich akzeptiert hat.

Die Prinzipien des tasawwuf lassen sich wie folgt einteilen:

 

1. Einen festen, wahren Glauben an die Göttliche Einheit zu erlangen und das Leben nach dessen Anforderungen auszurichten.

2. Zusätzlich zur Beachtung der Göttlichen Rede (des Koran) die Anordnungen der Göttlichen Kraft und Seines Willens gegenüber dem Universum (d.h. den Gesetzen der Schöpfung und des Lebens, die Inhalt der Wissenschaft sind) zu erkennen und sie zu befolgen.

3. Von Göttlicher Liebe überzufließen und ein gutes Verhältnis zu allen anderen Wesen in dem Bewusstsein (das sich aus der Göttlichen Liebe herleitet) zu unterhalten, dass das Universum eine Wiege der Brüderlichkeit ist.

4. Aus Nächstenliebe zu handeln und damit dem Wohlergehen und Glück anderer Menschen Priorität einzuräumen.

5. In Übereinstimmung mit den Anforderungen des Göttlichen Willens – nicht des eigenen – zu handeln und zu versuchen, das Leben so weit es geht unter Selbst-Auflösung in Gott und in Abhängigkeit von Ihm zu leben.

6. Sich für Liebe, spirituelle Sehnsucht, Vergnügen und Ekstase zu öffnen.

7. Sich die Möglichkeit anzueignen, das, was in den Herzen oder im Verstand ist, durch die oberflächlichen Erscheinungen, durch die Göttlichen Mysterien und durch die Bedeutungen an der Oberfläche der Ereignisse wahrzunehmen und zu entschleiern.

8. Orte und die Nähe solcher Freunde aufzusuchen, die die Vermeidung von Sünden und das Voranschreiten auf dem Weg Gottes ermutigen.

9. Zufrieden zu sein mit den rechtmäßigen oder legalen Genüssen und entschlossen zu sein, keine Schritte auf das Unrechtmäßige hin zu unternehmen.

10. Beständig gegen weltliche Begierden und die Illusionen anzukämpfen, die uns dazu verführen, anzunehmen, diese Welt sei ewig.

11. Nicht zu vergessen, dass selbst auf dem Weg, der Religion zu dienen und etwas für die Leitung der Menschen zu unternehmen, Erlösung nur durch Gewissheit oder Überzeugung und Aufrichtigkeit oder Reinheit in Absicht und Ziel möglich ist, die ausschließlich darauf abzielen, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. (Überzeugung bezeichnet hier die Überzeugung von der Wahrheit der religiösen Prinzipien des Glaubens und des Verhaltens)

Der Erwerb von Wissen, das Verstehen der religiösen und gnostischen Wissenschaften und das Befolgen der Weisungen eines makellosen spirituellen Meisters kann den oben aufgeführten Prinzipien, die für den Weg des Naqshbandiya-Sufiordens von größter Wichtigkeit sind, noch hinzu gefügt werden.

Es wird nützlich sein, tasawwuf im Licht der folgenden grundlegenden Konzepte zu diskutieren, die Inhalt von Büchern sind, die zum Thema gute Moral, gutes Benehmen und Askese verfasst wurden, und die man als die Stellen betrachtet, an denen man die ,Weisheit des Propheten’ im Herzen des Menschen findet. Diese Konzepte können auch als die Lichter gelten, durch die der Mensch den spirituellen Pfad zu Gott erkennt und Ihm folgen kann.

Das erste und bedeutendste dieser Konzepte ist die Wachsamkeit (yaqza), auf die auch der Ausspruch des Propheten ,Meine Augen schlafen, mein Herz aber nicht’ und die Bemerkung des vierten Kalifen Ali ,Die Menschen schlafen. Sie wachen erst auf, wenn sie sterben’ hinweisen.

Dem Konzept der Wachsamkeit folgen tawba (Reue), inaba (aufrichtige Buße), awba (sich Gott in Reue zuwenden), muhasaba (Selbstkritik oder sich selbst in Frage stellen), tafakkur (Reflektion), firar (Flucht), i´tisam (Zuflucht suchen), halwat (Alleinsein), ´uzlat (Zurückgezogenheit), hal (spiritueller Zustand), maqam (spirituelle Station oder Rang), qalb (Herz), huzn (Trauer oder Leid), khawf (Furcht vor Gott), raja´ (Hoffnung oder Erwartung), zuhd (Askese) und noch viele weitere mehr, die demnächst regelmäßig hier an dieser Stelle analysiert werden sollen."

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