Orhan Pamuk über inhaftierte Journalisten in der Türkei, den Ergenekon-Prozess und die AKP-Regierung

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Der Autor Orhan Pamuk über die Gerichtsverfahren im Rahmen des Ergenekon-Prozesses: „Ich halte diese Verfahren für wichtig. Was ich in den Zeitungen über die Putschpläne lese, halte ich für überzeugend und ich meine, dass das türkische Volk ebenso davon überzeugt worden ist.”

Ich habe die Zusammenfassung eines Interviews vom 13. Mai 2011 von Charlie Rose in der amerikanschen PBS mit dem türkischen Autor und Nobelpreisträger Orhan Pamuk aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt. In diesem Interview äußert Pamuk sich zu einer Reihe von brisanten Themen rund um die Türkei. Der linksliberale Intellektuelle teilt im Wesentlichen meinen kritisch-optimistischen Blick auf die Entwicklungen in der Türkei, die man nur im Kontext der türkischen Vorgeschichte verstehen und einordnen kann.

Das Bemerkenswerte an Pamuk ist, dass er aufgrund seiner klaren Positionierung in der Armenierfrage von 1915 ins Kreuzfeuer der Kritik der türkischen Öffentlichkeit geraten war. Er lebt heute unter Morddrohungen – und zeigt trotzdem die Stärke sich nicht in die Opferrolle zu flüchten und überrascht mit einer nüchternen Analyse ohne jede Verbitterung. Genau jene Stärke fordert er auch von seinen Landsleuten. Et voilà (die Hervorhebungen stammen von mir):

Pamuk, der im amerikanischen Fernsehsender PBS die Fragen des berühmten Moderators Charlie Rose beantwortete, äußerte auf eine Frage, dass er nicht der Meinung sei, dass der Laizismus in der Türkei Rückschritte gemacht hätte.

Er meinte, dass die Türkei nicht vom Weg zur Gemeinschaft der modernen Staaten abgewichen sei, oder das Ziel Mustafa Kemal Atatürks sich den zeitgenössischen Zivilisationen anzuschließen verraten hätte.

Er sagte: „[Die Türkei] schreitet nur etwas langsam auf diesem Weg voran und entwickelt sich nicht in dem Maße erfolgreich, wie wir es uns erhoffen.“

Pamuk merkte an, dass die regierende AKP im Vergleich zu den vorherigen Regierungen eine Partei aus religiöseren Politikern sei, aber dass er nicht meine, dass das Land sich in Richtung eines religiöseren Systems hin bewege.

Nach Pamuk gäbe es keine radikale Änderung an der Lebensweise oder der kulturellen Zusammensetzung in der Türkei. Er sagte:

„Es gibt Bedenken um den Schutz der Laizität, aber meiner Meinung nach wird das Land nicht religiöser. Vor zehn bis zwanig Jahren konnten Sie noch keine Alkohol konsumierenden Menschen auf der Straße sehen.

Die Anzahl der Kopftuchträgerinnen sollte kein Kriterium sein

Auf die Frage „Aber man sieht mehr Frauen mit Kopftüchern. Hat das etwas zu bedeuten?“ antwortete Pamuk: „Ob die Anzahl der Frauen mit Kopftuch groß oder gering ist, sollte in dieser Frage nicht das Kriterium sein.“

„Nach meinen Werten sollte jeder das Recht haben zu tun, was er möchte“, sagte Pamuk und ergänzte:

„Das Militär sollte uns nicht sagen: ‚Legt eure Kopftücher ab, wenn ihr in Universitäten oder Krankenhäuser geht‘. Türkische Frauen sollten nicht wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden.

Meinen Werten liegen Freiheiten, die Meinungsfreiheit, die Demokratie, die Laizität, kulturelle und politische Werte zugrunde. Wenn wir diese besitzen, dann sollten Menschen so handeln können, wie sie es wünschen.”

Pamuk merkte auch an, dass die Spannung zwischen Liberalen und Konservativen nicht neu sei, und dass dieser Zustand seit einem Jahrhundert schon anhalte.

Ich bin froh über die Verringerung der Macht des Militärs

Auf eine Frage entgegnete Pamuk, dass die AKP die Macht des Militärs geschwächt hätte, und dass dies der Bereich sei, auf dem der Premierminister Recep Tayyip Erdoğan am erfolgreichsten gewesen wäre. Pamuk sei glücklich darüber, dass das Militär an Macht verloren habe. Aber dieser Verlust hätte in manchen Kreisen Sorgen um die Sicherheit der Laizität hervorgerufen.

Pamuk stellte fest, dass es in der Türkei immer einen Zickzackkurs hinsichtlich der Meinungsfreiheit, der Toleranz und dem Verhältnis von traditioneller Kultur und Modernität gegeben hätte. Er sagte: „Die Besorgnis um die Laizität erzeugt leider einen Nährboden für einen Eingriff des Militärs in die Demokratie.“ Doch dennoch sei es laut Pamuk notwendig, dass das türkische Volk die Laizität auch ohne der Macht des Militärs zu bedürfen schützen könne. Es sei nicht richtig eine Haltung der Art „Militär, greife bitte ein und rette uns“ an den Tag zu legen.

Pamuk sagte, dass es nicht dem Ideal Atatürks einer modernen und offenen Gesellschaft entspräche für den Schutz der Laizität einen Putsch zu bemühen.

Ich nehme das Ergenekon-Verfahren ernst

Auf die Frage, was er vom Ergenekon-Verfahren halte, entgegnete Pamuk, dass er diese Prozesse ernst nehme, und dass ihn das, was er in den Zeitungen über die Putschpläne lese, überzeugt habe, und dass er der Meinung sei, dass sich auch das türkische Volk davon überzeugt hätte.

Pamuk wies darauf hin, dass es in der Geschichte der Türkei zahlreiche Putsche und Putschversuche gab, und dass er es daher positiv sehe, wenn die Richter den Putschversuchsvorwürfen nachgingen.

Die Inhaftierung von Journalisten ist inakzeptabel

Auf eine Frage entgegnete Pamuk, dass er die Verhaftung von Journalisten in der Türkei für inakzeptabel halte.

Pamuk meinte, dass selbst regierungsnahe Zeitungen diese Verhaftungen kritisierten und sagte:

„Leider sind im Moment mehr als fünfzig Journalisten in Haft. Selbst Süleyman Demirel und Bülent Ecevit, die zu den beliebtesten Politikern in der Türkei zählten, gingen [einst] ins Gefängnis.

Doch als sie wieder an der Regierung waren, haben sie keine Reformen zur Meinungsfreiheit durchgeführt, aber sie hätten dies tun sollen.“

Auf eine Frage zum Verfahren gegen ihn, das aufgrund seiner Texte und Aussagen eingeleitet wurde, entgegnete Pamuk, dass seine Situation im Vergleich zu den früheren Autoren harmloser sei, aber dass seine Situation aufgrund seiner internationalen Popularität mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte.

Er sagte: „Ich will mich nicht beklagen und sagen, mir sei dies und jenes zugestoßen. Ich blicke in die Zukunft.“

Die Rhetorik beunruhigt mich

Pamuk stellte fest, dass ihn die Rhetorik der politischen Parteien in der Türkei vor den Wahlen beunruhigten, und dass diese weniger mit Meinungsfreiheit als mehr mit Fanatismus zu tun hätten.

Er stellte fest, dass die Leute auf der Straße, denen er begegnet, sich nicht so sehr auf diesen Streit einließen, und dass sich Kultur, Sprache und Diskurs der Toleranz und der Verständigung in der Türkei noch nicht durchgesetzt hätten, dass er diesbezüglich aber optimistisch sei.

Ich verstehe die Entrüstung über die EU

Auf eine Frage antwortete Pamuk, dass er es verstehe, dass die Behandlung der Türkei durch die EU als Bürger zweiter Klasse für Entrüstung in der Türkei sorge, aber dass dies nicht zu einem Rachegedanken der Art „Wenn ihr uns nicht wollt, dann wenden wir uns den arabischen Ländern zu“ führen dürfe. Pamuk sagte, dass er sich keine großen Sorgen über eine Abkehr der Türkei von Europa machte.

Auf die Frage, ob „der arabische Frühling auch die Türkei erreichen würde“ sagte Pamuk, dass die Türkei keinen Bedarf nach dem arabischen Frühling habe.

Die arabischen Ländern würden sich durch diese Volksbewegungen nicht nur im politischen, sondern auch im kulturellen uns sozialen Bereich zu einem offeneren System hin bewegen.

Auf die Frage „Beweist die Türkei, dass ein Land muslimisch, aber zugleich pluralistisch, laizistisch und demokratisch sein kann?“ sagte Pamuk, dass die Türkei gerade dies versuche:

„Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Türkei schon bald zu einer vollen Demokratie und zu einer Wirtschaftsmacht werden wird – zwar nicht zum jetzigen Zeitpunkt, aber sie schreitet auf diesem Weg voran. Wir dürfen auf diesem Weg das Vetrauen in uns nicht verlieren.“

Ich liebe dieses Land

Auf eine Frage antwortete Pamuk, dass die Türkei mit allen Ländern des Mittleren Ostens einschließlich Israel freundschaftliche Beziehungen aufbauen müsse, und dass sich Israel trotz einiger Spannungen nicht in der Position eines Feindes der Türkei befände.

Auf eine andere Frage sagte Pamuk, dass er meine, dass die ablehnende Haltung des französischen Präsidenten Nicholas Sarkozy bezüglich des EU-Beutritts der Türkei eine vorübergehende Politik sei.

Auf die Frage „Warum leben Sie in Istanbul?“ entgegnete der Autor Orhan Pamuk: „Das ist hier mein Leben. Mein ganzes Leben habe ich in dieser Stadt verbracht. Ja, ich stehe unter Druck. Ja, ich habe Leibwachen um mich herum – aber ich liebe dieses Land.“

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