Der Plan für einen ‚Größeren Mittleren Osten‘; die Demokratie im Mittleren Osten und im Iran

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Wie sollte sich die OIC (Organisation der Islamischen Konferenz) im laufenden Prozess im Mittleren Osten verhalten?

Generalsekretär dieser Organisation ist Ekmeleddin Ihsanoglu, ein aufrichtiger Mann. Aus dieser Tatsache sollte man Nutzen ziehen und ein großes Symposium veranstalten. Um eine Aufspaltung der Region zu verhindern, könnte man sich z.B. bei der UN Gehör verschaffen und den USA eine diplomatische Note übersenden, in der man sie bittet, Fehler zu korrigieren, und sie dazu einlädt, Frieden zu schließen.

Kann hier nicht auch die Türkei mit ihrer militärischen Stärke einen Beitrag leisten?

Auf militärischer Ebene waren wir immer bemerkenswert stark, aber von der Türkei wird mehr erwartet. Dieses Problem lässt sich nicht mit Gewalt lösen. Wenn die Türkei mit ihren Streitkräften interveniert, wird sie damit verschiedene Gruppen provozieren und die Bewohner der Region gegen sich aufbringen. Dies könnte dem türkischen Erbe im Unterbewussten der Völker dort und dem Kredit, den die Türkei dort hat und den ich als großen Wert betrachte, großen Schaden zufügen. Dieser Wert sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden. Die Türkei sollte ihn lieber in der Zukunft bei einer Erholung des Mittleren Ostens in die Waagschale werfen.

Was sagen Sie zum US-amerikanischen Plan für einen ,Größeren Mittleren Osten’?

Sie [die Amerikaner] mögen gedacht haben, dass mit diesem Plan bestimmte positive Entwicklungen verbunden sein werden. Aber die Türkei verfolgt ebenfalls Interessen in der Region, so wie viele andere Länder auch. Die Zukunft der Türkei und dieser anderen Länder ist eng mit dem Mittleren Osten verknüpft. Wenn jener Plan also umgesetzt werden soll, sollte man [die USA] die Türkei, die ja ein strategischer Verbündeter ist, nach ihren Interessen fragen. Man sollte sie danach fragen, welche Ziele sie verfolgt. Wenn es einen solchen Plan gibt und wir nicht von Anfang an in ihn eingebunden werden, werden andere die Regeln aufstellen. Dann wird der ganze Plan maßgeblich von anderen gestaltet werden.

Welchen Platz sollte Ihrer Meinung nach die Türkei in diesem Plan einnehmen?

Braucht man so einen Plan tatsächlich? Glauben wir an so einen Plan? Wenn ja, dann sollte die Türkei ihre unschätzbar wertvolle Position im Weltgleichgewicht auch Russland, der EU und China klar darlegen. Man sollte deutlich machen, dass ein Größerer Naher Osten nur unter Beteiligung der Türkei zu verwirklichen ist. Wenn es sich hier um einen real existierenden Plan handelt, der in der guten Absicht ausgearbeitet wurde, die Demokratie zu bringen, dann sollte die Türkei sich darum bemühen, Teil dieses Plans zu sein. Dennoch sollte sie vorsichtig agieren, auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht sein und sowohl die Spielregeln dieses Spiels erlernen als auch weitere Details in Erfahrung bringen. Andere Länder der Region müssen ebenfalls beteiligt werden. Verschließt man sich diesem Projekt hingegen ganz, wird das Spiel nicht gut für uns enden, und wir wären dann nicht in der Lage, unsere Interessen zu wahren.

Glauben Sie, dass die Menschen im Mittleren Osten, die lange unter einer Diktatur gelebt haben, den Übergang zur Demokratie quasi auf Knopfdruck von innen heraus bewältigen können?

Es scheint fast so, als sei dies möglich. Es besteht ein Verlangen nach Freiheit – nach Meinungsfreiheit, nach Gewissensfreiheit und nach der Freiheit, den Arbeitsplatz frei wählen zu können. Diese Menschen sind der Ansicht, die Demokratie durch Wahlen und über ein allgemeines Wahlrecht zum Teil bereits verwirklicht zu haben. Im Laufe der Zeit werden sie ein noch höheres Niveau erreichen. Eine so ausgereifte Demokratie wie in Europa wird man aber nicht so schnell etablieren können.

Diesen Staaten kann aber ein ähnlicher Übergang gelingen, wie er der Türkei gelang. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, wie das in der Türkei damals genau vor sich ging, wie die Psyche der Menschen beschaffen war oder welche Rolle die öffentliche Meinung dabei spielte. In jedem Fall wäre es falsch, Druck auszuüben. Wie vorteilhaft eine Philosophie auch sein mag, am wichtigsten ist, dass sie von innen heraus kommt. Einer bestimmten Philosophie den Weg zu ebnen, indem man alle anderen Wege versperrt, würde von den Betroffenen als eine andere Form der Diktatur aufgefasst werden und zu entsprechenden Reaktionen führen. Die Menschen möchten von den demokratischen Rechten profitieren, wissen jedoch nicht, wie sie das bewerkstelligen sollen. Einige greifen zu radikalen Mitteln, während andere sich als Kandidaten für die Verwaltung aufstellen lassen. Aber es gibt nur einige wenige, die nach Lösungen suchen, indem sie sich wirklich für die Menschen engagieren.

Kann die Türkei hier als Modell dienen?

Unser Übergang zur Demokratie fand vor einem halben Jahrhundert statt, und noch immer sind wir damit beschäftigt, Löcher zu flicken und Risse zu kitten. Dies ist eine menschliche Realität, die nicht ignoriert werden kann. Es wird nicht einfach sein, die Motivation der Menschen im Mittleren Osten [für die Demokratie] auf Dauer hochzuhalten. Ich glaube, dass die Annehmlichkeiten, die die Demokratie mit sich bringt, wichtiger sind als das System selbst. Möglicherweise werden die Diktatoren Kompromisse machen müssen, um sich selbst zu schützen, um Konfrontationen mit den Supermächten und ihren eigenen Völkern zu vermeiden. Im Zuge dessen werden bestimmte Rechte und Freiheiten eine Chance bekommen.

Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, die Freiheit, den Arbeitsplatz frei wählen zu können, und bis zu einem gewissen Grad ein von Respekt vor dem Menschen geprägter Individualismus – all dies wird kommen. Eines Tages werden die Menschen ihre eigene Verwaltung wählen können. Obwohl gegenwärtig nicht alle Kräfte auf eine Demokratie hinzuarbeiten scheinen, hat der Prozess begonnen.

Für viele islamische Bewegungen steht der Iran für eine bestimmte Epoche und für ein bestimmtes Modell, das sie inspiriert. Was bedeutet Ihnen die Revolution im Iran? Halten Sie es für möglich, dass die Türkei zu einem zweiten Iran wird?

So wie alle anderen Revolutionen war auch die iranische darauf ausgerichtet, exportiert zu werden. Da diese Revolution eine religiöse Dimension hatte, haben auch einige Leute in der Türkei, obwohl sie Sunniten sind, mit ihr sympathisiert. Sie knüpften Kontakte zu iranischen Diplomaten und besuchten iranische Schulen. Diese Revolution war eine Art Modell, was zum Teil auf ihre Beispiellosigkeit zurückzuführen war. Es waren Wahhabiten, die in der Vergangenheit aus dieser Beispiellosigkeit Nutzen zogen. Niemand kann ernsthaft behaupten, sie besäßen keinen Einfluss. Ihr Einfluss erstreckt sich von Ägypten bis hin nach Kanada, und sie exportieren strenge Inhalte. Von staatlichen Stiftungen gefördert eröffnen sie Moscheen, Schulen und islamische Zentren selbst in den entlegensten Winkeln des Fernen Ostens. Von türkischen Unternehmern gegründete Schulen und Kulturzentren hätten hier eine Alternative bilden können. Aber einige Leute in der Türkei hatten etwas dagegen. Ich wollte, der türkische Staat hätte das realisiert. Warum hätte es an solchen Orten keine Alternative geben sollen, warum hätte man nicht selbst dorthin gehen sollen? Es fällt mir schwer, das zu verstehen. Hier zeigt sich, dass einige Leute nie richtig nachdenken. Ihr ganzes Wesen ist nur auf Feindseligkeit, Zorn und Hass ausgerichtet.

War der Iran beim Export seines Systems erfolgreich?

Der Iran warb mit dem Export seines Systems auch um Unterstützung. Die Taliban hatten offenbar ähnliche Träume. Die türkischen Schulen schlossen sie mit der Begründung: „Dies ist nicht der richtige Weg. Die Probleme müssen auf unsere Weise gelöst werden. Diese engstirnigen Menschen glauben, alle Probleme könnten von oben, von der Macht geregelt werden. Sie argumentieren allein vom Kopf her, ohne die wahren Probleme der Menschen tatsächlich zu kennen.

Der Iran hat allerdings auch einige positive Neuerungen eingeführt und dann ebenfalls exportiert. Man kann nicht sagen, dass all seine Bemühungen vergeblich gewesen wären. 1992 habe ich Australien besucht und hörte dort, dass der Iran allein in dem Jahr 100 Promotionsanwärter in das Land entsandt hatte. Auf eigene Kosten schickten sie viele Menschen an die unterschiedlichsten Orte. Dies ist etwas, über das man durchaus einmal nachdenken sollte. Die Türkei hätte ebenfalls Menschen, die die türkische Philosophie und Kultur im Laufe ihrer Erziehung und Ausbildung verinnerlicht haben, in die Welt schicken können. Andere Länder setzen sich eben nicht nur für ihre Botschafter, Konsule oder Diplomaten ein.

Welche Vor- und Nachteile erwachsen den Muslimen aus der islamischen Bewegung im Iran?

Zu diesem Thema habe ich mich in einigen meiner Reden geäußert. Ayatollahs, die als Mudschtahids [Juristen des islamischen Rechts] anerkannt werden, hätten Gräben zur Welt der Sunniten zuschütten können, wenn sie oberflächliche Streitigkeiten in Bereichen, die nur Details betreffen und für Interpretationen offen sind, ausgeräumt hätten. Dadurch hätten bestimmte unangebrachte gegenseitige Abneigungen überwunden und bestehende Beziehungen verbessert werden können. Nach der Revolution genoss Khomeini ein unglaublich hohes, vielleicht sogar übertrieben hohes Ansehen. Ich erinnere mich, in der arabischen Zeitschrift Al-Mudschtama’a einen Artikel gelesen zu haben, in dem ihm zum Geburtstag gratuliert wurde. Dort wurde Khomeini hymnisch für seine Errungenschaften um die Bewegung, die er ins Leben gerufen hatte, gelobt. An diesem Beispiel wurde mir deutlich, welch guten Ruf er sich erworben hatte. Jemand, der so viel Kredit besitzt, hätte viele Probleme, die nur Details betreffen, lösen können. Das geschah jedoch nicht.

Glauben Sie, Khomeini hat eine Chance, mit der sunnitischen Welt Frieden zu schließen, verstreichen lassen?

Ich wünschte, er hätte sich für den Frieden mit der sunnitischen Welt eingesetzt. Es ist ihr Land, in dem die Revolution stattgefunden hat. Deshalb möchte ich mich da nicht einmischen. Aber das, was sie für die Sache des Islam bewirkt haben, war nicht gut. Die Dinge haben sich in eine so unerfreuliche Richtung entwickelt, dass inzwischen die Muslime auf der ganzen Welt zur Zielscheibe von Hass geworden sind. Als Resultat hat sich der Spielraum derer, die der Religion in guter Absicht dienen, verringert. Heute bekommt jeder Mensch Probleme, der irgendwo in der Welt im Namen der Religion spricht oder sein Recht einfordert, den Islam als Individuum oder mit seiner Familie zu leben. Der Islam besitzt viele schöne Aspekte, die das Leben in der Gemeinschaft betreffen. Diese Aspekte schaden weder dem Staat noch seinen Gesetzen. Aber Leute, die bestimmte eigene Interessen verfolgen und denen die Struktur des Staates so wichtig ist, setzen – nicht nur in der Türkei – schon die unbedeutendsten islamischen Bewegungen mit einem zweiten Iran gleich. Die Menschen, die sich in diesen Bewegungen engagieren, werden als Mullahs bezeichnet, einige von ihnen sogar als Khomeinis.

Ich weiß nicht, ob die Revolution den Menschen im Iran geholfen hat, aber andere Muslimen müssen wegen ihr damit leben, ständig verdächtigt zu werden. Heute stehen alle Muslime permanent unter Beobachtung. Man legt ihnen zur Last, ähnliche Bestrebungen zu verfolgen. Dieser Verdacht hat sich seit dem 11. September noch verstärkt und zu einer regelrechten Paranoia ausgewachsen. Die Revolution im Iran hat dem Islam geschadet.

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