Im Islam gibt es keinen Dogmatismus

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Frage: Wie steht der Islam zum Dogmatismus?

Gülen: Wenn Dogmatismus bedeutet, etwas blindlings zu akzeptieren oder zu kopieren, ohne dabei Platz für freies Denken und den Gebrauch geistiger Fähigkeiten zu schaffen, dann gibt es im Islam keinen Dogmatismus.

Dem Konzept von Religion, das im Westen entworfen wurde, zufolge sind Wissen und Glaube ganz unterschiedliche Dinge. Im Islam hingegen ergänzen sie einander. Der Koran betont nachdrücklich, dass jeder dazu aufgefordert ist, seine geistigen Fähigkeiten (d.h. Denken, Folgern, Reflektieren, Überlegen, Kritisieren, Bewerten usw.) zu nutzen.

 

Frage: Wie steht es mit den Koranversen, die im kanonischen Recht maßgeblich sind?

Gülen: Sie stellen feste, unveränderliche Aspekte der Schöpfung und des Lebens dar. So wie sich die ,Naturgesetze’ niemals verändern, muss auch eine Religion, die sich an die Menschheit wendet, unveränderliche Prinzipien und immer währende Werte besitzen. Darüber hinaus werden moralische Standards wie Wahrheitsliebe, Keuschheit, Ehrenhaftigkeit, Respekt vor den Älteren (insbesondere vor den Eltern), Barmherzigkeit, Liebe und Hilfsbereitschaft überall auf der Welt akzeptiert. Gleiches gilt für das Abstandhalten von Alkohol, Geldspiel, Ehebruch, außerehelichem Geschlechtsverkehr, Diebstahl, Täuschung und unehrlichem Verdienst des Lebensunterhalts. Solche Normen und Werte anzuerkennen und sie beim Erlass von Gesetzen zu berücksichtigen, ist keineswegs Dogmatismus.

Allerdings hat der Islam, wie alle anderen Religionen auch, einige dogmatische Standpunkte kennen gelernt. Die Zahiriya1 beispielsweise entstand während der Herrschaftszeit Alis als Resultat der extremistischen Haltung der Kharidschiten. Jene akzeptierten die Koranverse nur in ihrer äußeren Bedeutung und lehnten es ab, grundlegende Regeln wie Aufhebung, Spezifizierung und Verallgemeinerung einzubeziehen. Zu Beginn entwickelte sich die Zahiriya noch nicht zu einer eigenen Schule. Aber Gelehrte wie Dawud az-Zahiri2 und Ibn al-Hazm3 etablierten sie in Andalusien als System und verfassten Bücher über sie. Später ging diese Schule in die Hände anerkannter Persönlichkeiten wie Ibn al-Taymiya4 über und beeinflusste Gelehrte wie Ibn al-Qayyim al-Dschawziya5, Imam Dhahabi6 und Ibn al-Kathir7. Später trug sie zum Entstehen des Wahhabitentums8 bei. Trotz allem haben diese Gelehrten aber immer nur eine winzige Minderheit repräsentiert.

Can, Eyup; Reaching to the Horizon with Fethullah Gülen; übersetzt aus: Zaman, August 1995



1 Als Zahiriten bezeichnet man die Anhänger einer islamischen Rechtsschule, die die strikte Befolgung des wörtlichen Textes von Koran und Sunna als die einzige Quelle des islamischen Rechts propagiert. Gegründet im 9. Jahrhundert im Irak breitete sich diese Bewegung später in den Iran, nach Nordafrika und bis ins muslimische Spanien aus. Obwohl sie von orthodoxen Theologen scharf kritisiert wurde, hielt sie sich über 500 Jahre lang, bis sie letztendlich offenbar in der Rechtsschule der Hanbaliten aufging. Die Kharidschiten traten in Erscheinung, nachdem Mu’awiya Ali das Kalifat entriss. Diejenigen, die sich Alis Anerkennung durch die Gerichtbarkeit widersetzten, weil sie sie für eine List hielten, wanderten aus und lehnten die Ansprüche beider Parteien ab. Sie wurden für ihren Puritanismus und Fanatismus berühmt.

 

2 Dawud ibn Alib ibn Khalaf Zahiri: Gründer der Zahiriya.

3 Ibn Hazm (994-1064): muslimischer Schriftsteller, Historiker, Rechtsgelehrter und Theologe; berühmt für seine Produktivität auf literarischer Ebene, sein Allgemeinwissen und seine Beherrschung der arabischen Sprache. Ibn Hazm war ein führender Vertreter der Rechtsschule der Zahiriya und verfasste ca. 400 Schriften in den Bereichen Rechtsprechung, Logik, Geschichtswissenschaft, Ethik, Vergleichende Religionswissenschaft und Theologie.

4 Ibn Taymiya (1263-1328): einer der eindrucksvollsten Theologen und zunächst Mitglied der von Ibn Hanbal gegründeten Schule der Pietisten. Ibn Taymiya forderte die Rückkehr des Islam zu Koran und Sunna. Auf ihn berufen sich die Wahhabiten – eine Mitte des 18. Jahrhunderts gegründete traditionalistische Bewegung des Islam.

5 Ibn al-Qayyim al-Dschawziya (1292-1350): studierte unter seinem Vater, dem lokalen Betreiber einer Schule, die sich auf islamisches Recht, Theologie und Hadith konzentrierte; er schloss sich dem Zirkel um Imam Ibn Taymiya an, wurde zu seinem eifrigsten Schüler und schließlich zu seinem Nachfolger.

6 Adh-Dhahabi (673-748): wurde bekannt als scharfsinniger Hadith-Kritiker und -Experte, Historiker, Biograph und absolute Autorität in Bezug auf die kanonische Auslegung des Koran.

7 Ibn Kathir (1300-1373): muslimischer Theologe und Historiker, der im Syrien des 14. Jahrhunderts eine führende Rolle spielte. Besonders einflussreich war sein Werk Al-Bidaya wa’l-Nihaya (Der Anfang und das Ende), das sich nahezu alle damals verfügbaren Werke zunutze machte und die Basis unterschiedlicher Schriften späterer Historiker bildete.

8 Als Wahhabiten bezeichnet man die Mitglieder einer puritanischen Bewegung, die von Muhammad ibn Abd al-Wahhab im 18. Jahrhundert in Nadschd (im heutigen Saudi-Arabien) gegründet wurde. Die Wahhabiten betonen die Einheit Gottes, verurteilen alle Akte, die auf Polytheismus hindeuten (z.B. den Besuch von Grabstätten und die Heiligenverehrung), propagieren eine Rückkehr zu den originalen Lehren des Islam und lehnen alle Neuerungen ab. Ihre Theologie und Rechtsprechung gründen insbesondere auf den Lehren Ibn Taymiyas und auf der Rechtsschule Ibn Hanbals. Die Wahhabiten befürworten eine wörtliche Befolgung von Koran und Hadithen und die Gründung eines islamischen Staates, der allein auf dem islamischen Recht basiert.

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