Fethullah Gülen: „Wir sind heute gegen das Joch einer Partei – wie einst gegen jenes des Militärs“

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Fethullah Gülen: Wir sind heute gegen das Joch einer Partei – wie einst gegen jenes des Militärs

Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ warnte der türkische Islamgelehrte Fethullah Gülen einmal mehr vor einem „Ein-Mann-Staat“. Darüber hinaus kritisierte er, die islamische Welt habe gegen den IS nicht klar genug Stellung bezogen.

Dass die „Süddeutsche Zeitung“ am Samstag ein ausführliches Interview mit dem in den USA lebenden türkischen Islamprediger Fethullah Gülen gebracht hat, zeigt, dass die in früheren Jahren oft von Vorurteilen und Informationen aus zweiter Hand gekennzeichnete Berichterstattung in deutschen Leitmedien immer stärker der Bereitschaft weicht, den Gelehrten selbst zu Wort kommen zu lassen.

Und die breit angelegte, türkeiweite Razzia vom Sonntag gegen Journalisten und Polizeibeamte, die der von Gülen inspirierten Hizmet-Bewegung nahe stehen, zeigte einmal mehr deutlich die Aktualität der Warnungen vor autoritären Entwicklungen in der Türkei, die der Intellektuelle in seinem Gespräch mit der Zeitung geäußert hatte.

Fethullah Gülen warnte dabei vor allem vor einer „Hexenjagd“ türkischer Behörden gegen Andersdenkende und kritisierte, dass die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan ein „Parteienstaat und eigentlich sogar Ein-Mann-Staat“ geworden sei.

Dass aus einer langjährigen politischen Zweckgemeinschaft, wie sie faktisch zwischen der Hizmet-Bewegung und der regierenden Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP) bestand, eine tiefe Feindschaft geworden ist, die dazu geführt hat, dass die Regierung Angehörige der Freiwilligenbewegung sogar mit einer „bewaffneten terroristischen Gruppe“ in Verbindung bringt, liege vor allem daran, dass für die Gülen-Bewegung der Transformationsprozess der Türkei nicht mit der Beendigung der Schattenregierung durch das Militär geendet habe.

Gülen bestreitet Erdoğans Vorwurf der Unterwanderung

„Nachdem das Land vom Joch des Militärs befreit war“, so Gülen, habe die AKP „das Joch einer Partei“ errichtet. Die Türkei sei immer noch von einer Polarisierung gekennzeichnet, die nicht nur das innenpolitische Klima belaste, sondern dem Ansehen des Landes auch im Ausland schade. „Der Zustand, in den mein Land versinkt, macht mich traurig“, so Gülen.

Gülen bestreitet zudem die Vorwürfe, wonach es eine Unterwanderung des türkischen Staatsapparates durch Anhänger der von ihm inspirierten Bewegung gäbe. Zweifellos gäbe es zahlreiche Beamte im türkischen Staatsdienst, die mit seiner Bewegung sympathisierten, aber die darauf gegründeten Verschwörungstheorien der Regierung entbehrten jedweder Grundlage. „Ein Bürger eines Landes kann nicht die Institutionen seines Landes unterwandern, er dient ihnen“, sagt Gülen. Die Hexenjagd Ankaras richte sich gegen Menschen, „die nicht der Macht nahestehen oder Geschäfte mit ihr machen wollen“.

Die Forderung des türkischen Präsidenten Erdoğan an US-Präsident Barack Obama, ihn an die Türkei auszuliefern, bereite ihm keine Angst. „Die USA sind ein demokratischer Rechtsstaat. Hier ist kein Platz für Willkür“, betonte Gülen. Die Auslieferungsforderung entbehre jedweder Grundlage und ruiniere nur den internationalen Ruf der Türkei – gerade jetzt, wo auch zahlreiche Menschenrechtsorganisationen Ankara Willkür und eine Unterminierung des Rechtsstaates vorwerfen.

„Religiöse Generation“ zu schaffen, sei keine Staatsaufgabe

Fethullah Gülen wandte sich auch gegen das mehrmals betonte Ansinnen des türkischen Präsidenten Erdoğan, dieser wolle eine „religiöse Generation“ schaffen. Dies könne nicht Aufgabe eines Staates sein, denn es schaffe einen „Zwang für Andersdenkende“.

Es sei jedoch bedauerlich, dass viele junge Muslime wenig Ahnung von ihrer Religion hätten. Dies mache extremistischen Organisationen wie dem „Islamischen Staat“ (IS) die Rekrutierung leicht. „Der IS beschmutzt das Gesicht des Islam, das ist Barbarei“, betonte Gülen. Leider habe die islamische Welt dazu „nicht klar genug Stellung bezogen“.

Die IS-Anhänger seien, so Gülen, „Opfer einer Massenpsychose“, wie man sie in Europa ganz gut kenne. „Da sind viele Menschen bei Bewegungen mitgelaufen, die Blutbäder angerichtet haben.“ Die IS-Leute seien „ignorante Menschen, die ihre Religion nicht einmal im Ansatz kennen“. „Sie erfinden einen heiligen Krieg. Das ist ein System des Wahnsinns“, betonte Gülen.

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