Sakina und Itmi’nan (Gelassenheit und Friedfertigkeit)

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Außerhalb des sufistischen Kontexts steht der Begriff ,sakina’ für Ruhe, Stille, Beständigkeit, Festlichkeit, Vertrautheit und das Abflauen von Wellen; damit bildet es ein Gegengewicht zu Begriffen wie ,Leichtfertigkeit’, ,Leichtsinn’, ,Rastlosigkeit’, ,Schwanken’ und ,Unschlüssigkeit’. In der Sprache des Sufismus drückt sakina aus, dass das Herz durch die Geschenke, die ihm aus dem Unsichtbaren zufliegen, zur Ruhe kommt. Ein zur Ruhe gekommenes Herz kann, solange es in höchster Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle verharrt, stets auf eine Brise aus den uns fremden Sphären hoffen und reist im itmi’nan (in der Friedfertigkeit) umher. Diese Stufe bildet zugleich den Ausgangspunkt der Stufe der Gewissheit, die der direkten Beobachtung entspringt. Die Geschenke, die dem Wissen entspringen, wurden oftmals mit denen verwechselt, die man sich durch Einsicht ,erwirbt’, was zur Folge hat, dass sich der Horizont der Beobachtung geheimer Wahrheiten eintrübte. Diese Verwechslung hat auch gewisse falsche Schlussfolgerungen bezüglich der Realität der Dinge nach sich gezogen.

Die Gelassenheit tritt gelegentlich in der Form wahrnehmbarer oder nicht wahrnehmbarer Zeichen auf; bei anderen Gelegenheiten wiederum erscheint sie so klar, dass sie sogar von gewöhnlichen Menschen identifiziert werden kann. Manchmal ähneln die Gelassenheit und ihre Zeichen einem spirituellen Hauch oder einem Wind Gottes, der nur mit größter Wachsamkeit zu spüren ist. Dann wieder erscheinen sie wie durch ein Wunder so klar bzw. in solch manifester Form, dass jeder sie sehen kann, ganz so wie sie sich damals den Kindern Israels darstellten. Sie bleiben dann eine gewisse Zeit bei denen, die es verdienen, mit ihnen belohnt zu werden. Während diese Menschen den Koran lesen um ihre Willenskraft zu kräftigen und zu stärken, nehmen die Gelassenheit und ihre Zeichen die Gestalt von jenem Nebel oder Dunst an, der einst Usayd ibn Khudayr einhüllte.[1] In jedem Fall aber dient die sakina als Bestätigung Gottes und als Mittel der Dankbarkeit und Begeisterung für all diejenigen Gläubigen, die sich ihrer Hilflosigkeit und Bedürftigkeit vor Gott bewusst sind. So steht es auch im Koran:

Er ist es, der die Ruhe in die Herzen der Gläubigen niedersandte, damit sie ihrem Glauben Glauben hinzufügen.[2]

Ein Gläubiger, der durch Gelassenheit gestärkt ist, lässt sich durch weltliche Ängste, Kummer und Sorgen nicht erschüttern und findet Frieden, Integrität und Harmonie zwischen seiner inneren und äußeren Welt. Er besitzt Würde, ist ausgeglichen, zuversichtlich, sicher und ernst in seinem Auftreten sowie beherrscht und aufmerksam in seiner Beziehung zu Gott. Egoismus, Eitelkeit und Hochmut sind ihm fremd. Jedes spirituelle Geschenk und jede Unterstützung, die er erhält, schreibt er Gott zu; er ist bescheiden und diszipliniert genug, Ihm dafür zu danken; Unzufriedenheit und Unbehagen, unter denen er leidet, schreibt er sich dagegen selbst zu. Außerdem übt er Selbstkritik.

Itmi’nan heißt, sich in einem Zustand vollkommener Ruhe zu befinden und vollkommen zufrieden gestellt zu sein, ohne sich irgendeinen Fehltritt zu erlauben. Die Friedfertigkeit ist ein Zustand, der noch über die Gelassenheit hinaus geht. Wenn man Gelassenheit als den ,Startpunkt der Befreiung vom theoretischen Wissen und der Suche nach der Wahrheit’ definiert, ist die Friedfertigkeit der Endpunkt bzw. die letzte Station.

Die Stufen oder Stationen radiya (von Gott in Zufriedenheit erfreut sein) und mardiyya (von Gott anerkannt werden) sind zwei Dimensionen der Friedfertigkeit, die zu den guten und rechtschaffenen Aspekten wie auch zum tiefen Sinn der Zufriedenheit gehören. Die Stufen mulhama (von Gott inspiriert sein) und zakiyya (von Gott gereinigt sein) stellen zwei weitere Stufen der Friedfertigkeit dar, die jenen vorbehalten sind, die Gott nahe sind; diese beiden Stufen sind schwer definierbar, und die Geschenke, die ihnen entspringen, sind rein und großzügig bemessen.

Auch bei Menschen, die Gelassenheit demonstrieren, können sich Gedanken und Neigungen einschleichen, die Gott missfallen; bei Menschen, die friedfertig sind und sich im Zustand der Ruhe befinden, herrscht jedoch nur noch vollkommene Stille. Friedfertige Herzen bemühen sich immerfort, die Bestätigung durch Gott und Sein Wohlgefallen zu erlangen; die ,Kompassnadel’ ihres Bewusstseins bricht nie aus. Die Friedfertigkeit ist eine Station noch gesteigerter Gewissheit; der Reisende, der ihre einzelnen Stufen nimmt, wird hier immer wieder Zeuge der Wahrheit des Koranverses Doch! Aber (ich frage,) um mein Herz zu beruhigen.[3] und wird mit unterschiedlichen Geschenken belohnt. Wo er sich auch befindet, jederzeit fühlt er den Wind des Verses …und sie werden weder Angst haben, noch werden sie traurig sein.[4] und hört die guten Neuigkeiten der Worte Gottes Fürchtet euch nicht und seid nicht traurig, und erfreut euch des Paradieses, das euch verheißen wurde.[5] Er schmeckt das süße lebensspendende ,Wasser’ des Verses Es sind jene, die glauben und deren Herzen Trost finden im Gedenken an Allah.[6] und triumphiert über seine Körperlichkeit.

Friedfertigkeit bedeutet, materielle Interessen zu überwinden. Hier endet die vernunftbestimmte Reise, und der Geist ist von allem Kummer befreit. Gefühle finden an diesem Punkt was immer sie auch suchen und werden so tief, weit und friedvoll wie ein stiller Ozean.

Ein Mensch, der diese Stufe erreicht hat, findet allein dadurch, dass er die Begleitung Gottes spürt, seinen Frieden; er wird sich der Schönheit und Gnade Gottes in seinem Herzen bewusst und fühlt sich durch sein Treffen mit Gott zu Ihm hingezogen. Er ist sich auch der Tatsache bewusst, dass die ganze Schöpfung durch Sein Dasein existiert; er weiß, dass er selbst nur deshalb sprechen kann, weil auch Gott spricht. Dieses ,Fenster’ steht einem Menschen auf dieser Stufe offen und erlaubt ihm, trotz seiner Unzulänglichkeit unendlich weit zu sehen und zu hören; es schenkt ihm eine unendlich große Auffassungsgabe. Dem Strudel der außergewöhnlichsten Vorkommnisse, die jeden anderen verwirren und bestürzen, entkommt er mit Leichtigkeit und setzt seine Reise unbeirrt fort.

Ein Mensch mit einem Herzen, das sich im Ruhezustand befindet, ist nicht nur von allen weltlichen Sorgen befreit, sondern heißt auch den Tod und alles, was danach kommt, mit einem Lächeln willkommen und lauscht den Komplimenten und Glückwünschen Gottes:

Kehre zurück zu deinem Herrn wohlzufrieden und mit (Allahs) Wohlwollen. So schließ’ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies.[7]

Für ihn stellt der Tod das erstrebenswerteste Resultat des Lebens dar. Ist sein Leben zu Ende, hört er auf jeder Station, die er nach seinem Tod durchschreitet, die gleichen Glückwünsche, die einst auch am Grab von ibn Abbas vernommen wurden:

Kehre zu deinem Gott zurück, erfreut und erfreuend! Reihe dich unter Meine Diener ein, betritt Meinen Garten.

Er verbringt sein Leben im Grab an den Gestaden des Paradieses, nimmt voller Verwunderung und Bewunderung an der Großen Versammlung teil, erlebt mit Erstaunen und Ehrfurcht das ,Abwiegen’ der menschlichen Taten, überquert die Brücke, die auch jeder andere Mensch überqueren muss, und erreicht schließlich das Paradies, den letzten Wohnort jener, deren Herzen sich im Ruhezustand befinden und die ihren Frieden und ihre Stille gefunden haben.

Einem solchen Menschen erscheint die Welt wie der Berg Arafat (der Berg, an dem muslimische Pilger am Vorabend des Heiligen Opferfestes eine Zeit lang verweilen), den er auf dem Weg zur ewigen Vergebung der Gläubigen vorbereitet findet. Das weltliche Leben entspricht dem Vorabend des Festes, das kommende Leben aber ist der Festtag selbst.


[1] Usyd ibn Khudayr, einer der Gefährten des Propheten, fühlte sich, während er den Koran las, von einem Dunst wie von einer Masse umgeben und war darüber sehr erheitert.
[2] 48:4
[3] 2:260
[4] 2:62,112,262
[5] 41:30
[6] 13:28
[7] 89:28-30

 

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