Irada, Murid und Murad (Wille; der Mensch, der will; der Mensch, der gewollt wird)

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Irada bezeichnet wörtlich übersetzt ,das Auswählen zwischen zwei Dingen’, ,das Wünschen’ und ,die geistige Stärke, durch die der Mensch seine Gedanken und Handlungen lenken kann’; Menschen, die ein spirituelles Leben führen, haben den Begriff als ,Sich hinwegsetzen über die fleischlichen Begierden’, ,erfolgreichen Widerstand gegen animalische Gelüste’ und als ,Präferenz der Anliegen Gottes und seines Wohlgefallens vor unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen bei gleichzeitig größtmöglicher Unterwerfung unter Seinen Willen’ definiert.

Der Mensch, der will (murid), – ein Schüler – ist jemand, der sich niemals auf seine eigene Kraft verlässt und sich vollkommen dem Willen des Allmächtigen, der die ganze Schöpfung von den Himmelskörpern bis hin zu den Atomen im Griff hat, überantwortet. Der Mensch, der gewollt wird (murad), fließt über von der Liebe zu Gott; er hat nichts anderes im Sinn und erhofft sich nichts anderes als Sein Wohlgefallen; darum wird er zu einem engen Freund Gottes.

Irada (Wille) ist dem Koranvers …im Trachten nach Seinem Wohlgefallen.[1] zufolge die erste Stufe auf dem Weg zu Gott und/oder der Hafen, von dem aus sich der Reisende zur Ewigkeit aufmacht. Fast jeder, der zum Unermesslichen segelt, kommt zunächst zu diesem Hafen, wo ihm der nötige Schwung verliehen wird, um sein Reiseziel zu erreichen. Die Reise zu diesem Ziel steht in direktem Zusammenhang mit der Reinheit der Absicht des Reisenden und der Qualität seiner Beziehung zur Welt, zu den materiellen Dingen und zur Stärke der Kraft in seiner ,Mitte’. Abhängig von der Unterstützung durch Gott und der eigenen Willenskraft legen einige die Strecke zwischen Hafen und Reiseziel in Schrittgeschwindigkeit, andere mit der Geschwindigkeit eines Raumschiffs oder des Lichts und manche sogar mit gar nicht mehr messbarem Tempo zurück. Die Himmelfahrt des Propheten und die Reisen der Derwische sind gute Beispiele dafür, was der Wille, der Mensch, der will, und der Mensch, der gewollt wird, erreichen können, wenn ihnen von Gott, der Wahrheit, dabei geholfen wird.

Der Wille und der Mensch, der will (der Schüler), stehen zueinander in einer Beziehung, die allerdings nur von sekundärem Charakter ist. So wie materielle oder natürliche Ursachen als Schleier zwischen oberflächlichen Ansichten und Göttlicher Macht und Würde dienen, damit niemand, der nicht in der Lage ist, die Realität der Dinge und Ereignisse zu verstehen, Gott, den Allmächtigen, für bestimmte Punkte anklagt, ist die Willenskraft des Menschen nicht mehr als ein Schatten des Schattens Dessen, der …tut, was Er will.[2] So wie jeder Schatten von seinem Original abhängig ist, ist auch jeder erschaffene Wille von seinem Schöpfer abhängig. Die Lebendigkeit und Anziehungskraft, die wir im Spiegel beobachten, gehören ja auch nicht zu den Reflexionen eines Objektes, sondern zum Objekt selbst. Trotz allem ist es aber nicht einfach, dies zu verinnerlichen und zwischen Schatten und Original zu unterscheiden.

Erst wenn der Mensch wahrnimmt, dass sein Wille ein blasser Abglanz des Absoluten Willens (Dessen, der will) ist und er zu der Stufe gelangt, an der er zu jemandem wird, der gewollt oder gewünscht wird, der von der Gefangenschaft durch seinen Körper und seine Gedanken befreit wird und sich zu einem Menschen von vollkommener Spiritualität und mit makellosem Bewusstsein entwickelt, erst dann kann er akzeptieren, dass sein Wille eine von ihm unabhängige Existenz besitzt. Tatsächlich ist der Reisende zu Beginn seiner Reise jemand, der will, um dann zu jemandem zu werden, der gewollt wird. Solange er sich bemüht, seinen Dienst an Gott zu seiner zweiten Natur zu machen, und nach Wegen sucht, geliebt und gewünscht zu werden, ist er jemand, der will; an dem Punkt aber, wo seine Beziehung zu Gott zu einer unverzichtbaren Dimension seines Wesen wird, an dem Punkt, an dem er den Stempel Gottes auf allem erkennt und mit dem Wissen und der Liebe zu Gott in spirituellen Freuden schwelgt, hat er sich zu jemandem, der gewollt wird, weiterentwickelt.

Auf der Strecke zwischen der ,Gewissheit, die dem Wissen entspringt’ und dem Endpunkt der ,Gewissheit, die sich aus Erfahrung ableitet’, liegen viele Start- und Zielpunkte. Jede Stufe zwischen diesen beiden Punkten entspricht sowohl einem Start- als auch einem Zielpunkt. Viele meinen z.B., der Vers Mein Herr, gib mir die Bereitschaft dazu![3] sei ein Zielpunkt; verglichen mit dem Vers Haben Wir nicht deine Brust geweitet?[4] ist er aber wohl eher ein Startpunkt. Für manche ist auch der Vers Mein Herr, zeige (Dich) mir, auf dass ich Dich schauen mag.[5] ein Zielpunkt, auch wenn er den Beginn des Weges darstellt, der zu jener Stufe führt, die in Vers Da wankte der Blick nicht, noch schweifte er ab.[6] Erwähnung findet. Auch der Vers Mein Herr ist mit mir; Er wird mich richtig führen.[7] bezieht sich auf das Bewusstsein um die Gesellschaft Gottes und ist somit nicht zu vergleichen mit der höheren Wahrheit oder Realität, die in Vers Sei nicht traurig; denn Allah ist mit uns.[8] zum Ausdruck kommt.

Zu Anfang sind Treue, Gewissenhaftigkeit und Entschlossenheit von entscheidender Bedeutung, später werden diese jedoch von Ernsthaftigkeit, Selbstbeherrschung und Manierlichkeit abgelöst. Diejenigen, die zu Beginn ihrer Reise auf Abwege geraten, werden nicht sehr weit kommen; wer aber am Ende in die Irre geht, wird getadelt.

Lässt der Reisende Sorgfalt und Sensibilität bei der Erfüllung seiner Pflichten walten und betet immerfort zu Gott, kann dies zu einer wichtigen Quelle seiner Willenskraft werden. Darüber hinaus hängt es von seiner Aufmerksamkeit bei den über das Pflichtmaß hinaus gehenden Taten und der Verehrung Gottes ab, ob Gott, der Allmächtige, zu Augen wird, mit denen er sieht, zu Ohren, mit denen er hört, und zu Händen, mit denen er greift.[9]


[1] 18:28
[2] 85:16
[3] 20:25
[4] 94:1
[5] 7:143
[6] 53:17
[7] 26:62
[8] 9:40
[9] Bukhari, Riqaq, 38, Musnad, 6.256

 

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