Dschadhb und Indschidhab (Anziehung und das Gefühl, von Gott angezogen zu werden)

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In der Sprache des Sufismus bedeutet dschadhb (auch dschadhba) (Anziehung) ,das Hingezogen-werden des Dieners zu Gott durch Gott Selbst’. Diese spirituelle Erhöhung reinigt den Diener von allen menschlichen Unzulänglichkeiten und stattet ihn mit den Eigenschaften oder gehobenen moralischen Grundsätzen, die der Koran vorsieht, aus. Dschadhb bedeutet auch, ,die Manifestationen der Macht und Einheit Gottes spüren und beobachten’. Ein gereinigter Mensch, der dazu in der Lage ist, diese Manifestationen zu empfangen, überlässt sich dem Strom, der dem Jenseits entspringt, und schwimmt wie ein guter Schwimmer ohne Furcht und Sorge in tiefer Hingabe zu Gott.

Während der Begriff ,dschadhb’ benutzt wird, um anzudeuten, dass ein Mensch von einer heiligen Kraft, die mit seinem inneren Wesen verbunden ist, in Richtung des Zweckes seiner Schöpfung und zu dem Punkt, der von seiner wahren angeborenen Natur angezeigt wird, hingezogen wird, bezeichnet indschidhab die bereitwillige Akzeptanz dieser dem Geist dieses Menschen gesandten Einladung.

Die Anziehung ist eine große Gnade Gottes, die durch gewöhnliche Anstrengungen nicht erlangt werden kann. Gott Selbst gewährt einem Diener, der ein reines Herz besitzt, Anziehung und die Fähigkeit, diese auch empfangen zu können.

Er gewährt sie, wem Er will. Und Allah verfügt über die große Huld.[1]

Er gewährt sie, wem Er will und schließt in einen kurzen, flüchtigen Augenblick viele Zeiteinheiten ein, die mit Ereignissen gefüllt sind. Er verleiht einem kleinen Schritt auf Ihn zu das Potenzial, die Paradiesgärten zu erreichen, und schenkt einem kurzen Flackern die Fähigkeit, Kohle in Diamanten zu verwandeln.

Entfernungen, die mit dem Willen und der Kraft des Menschen unüberbrückbar erscheinen, überwindet die Anziehung Gottes in einem einzigen Augenblick; und selbst höchste Gipfel lassen sich mit der Unterstützung Gottes beim Aufstieg erklimmen. Darauf weist dieser gesegnete Ausspruch hin:

Ein einziger Moment der Anziehung Gottes kommt der Nähe zu Gott gleich, die Menschen und Dschinn sich durch gute Taten erwerben.[2]

Menschen, die in ihrem Geiste die Mysterien des Glaubens wahrnehmen, die den Islam, vollkommene Frömmigkeit und Demut durch die Anziehung Gottes praktizieren, werden Anhänger des Weges Uways’ genannt – d.h. Menschen, die wie Uways al-Qarani, der größte muslimische Heilige, der im ersten islamischen Jahrhundert lebte, direkt von Gott oder dem Propheten unterwiesen werden, ohne dass sie einen anderen Lehrer oder Führer brauchen. Da sie sich permanent zu Gott hingezogen fühlen, leben sie in unablässiger Ekstase und Erstaunen angesichts dessen, was sie an Wahrheiten und Manifestationen Gottes beobachten.

Gelegentlich kommt es vor, dass ein Kreislauf der Tugenden zwischen Anziehung, regelmäßiger Verehrung und Genügsamkeit in Kraft gesetzt wird. Der Reisende auf dem Weg der Wahrheit wird dem Grad seiner Verehrung und Genügsamkeit entsprechend mit Anziehung bedacht und widmet sich der Verehrung und Genügsamkeit in dem Maße, wie er sich zu Gott hingezogen fühlt. Dieser Kreislauf der Tugenden bleibt solange bestehen, wie sich der Reisende an die Prinzipien der Scharia hält. Tut er das nicht, wird er vom Licht Muhammads getrennt; er beginnt dann, sich in seiner Beziehung zu Gott leichtfertig und nach eigenem Gutdünken zu verhalten, und schenkt seinen religiösen Pflichten nicht länger die gebotene Aufmerksamkeit.

Die Anziehung ist zu allererst eine Fähigkeit und ein Geschenk Gottes, die bzw. das als Vorschuss gewährt wird. Ohne dieses Geschenk könnte der Reisende weder Anziehung erlangen, noch sich zu Genügsamkeit, Verehrung und Selbstreinigung hingezogen fühlen. Auch könnte er die Wellen der Anziehung nicht wahrnehmen oder vom sich auf der Oberfläche des Universums abzeichnenden Licht, das Gottes Namen ,der Liebende’ entspringt, angezogen werden. Von einem so primitiven Reisenden dürfte behauptet werden, dass er in Bezug auf seine Spiritualität nichts an sich hätte, was es wert wäre, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Warum sollte sich mein spiritueller Führer mit mir befassen, wenn ich nicht die Anziehung der Liebe besäße?

Warum sollte er sich für mich interessieren, wenn ich keine Inspiration durch Gott erführe?

Gelegentlich passiert es, dass jemand, der Anziehung besitzt, von großzügigen Geschenken Gottes überschüttet wird und alles, was nichts mit Gott zu tun hat, aus seinem Blickfeld verbannt. Er macht sich dann weder über die Welt noch über das Jenseits Gedanken. So ein Mensch sieht sich selbst und andere Dinge in einer Art und Weise, die der folgende Verse verdeutlicht. Er ist berauscht von der Anziehungskraft des Heiligen, Anziehenden Wesens:

„Ich werde von Natur aus so stark von der tosenden
Flut des Meeres angezogen,
Dass ich meine, von den großzügigen Geschenken
Gottes verschlungen zu werden.

„Alles ist trunken vom Wein der Liebe zu Gott und der Anziehungskraft Seiner Liebe. Die Himmelskörper sind genauso trunken wie die Engel. Die Himmel sind ebenso trunken wie die Erde. Die Elemente sind trunken, und auch die Pflanzen, die Tiere, und die menschlichen und andere Wesen."[3]

Es gibt zwei Arten von Anziehung. Die eine Art ist innerlicher Natur; wer sie fühlt, redet nicht über sie. Er lobt Gott, empfindet eine große Zufriedenheit mit Seinen Geboten und freut sich, ihnen entsprechen zu dürfen. Unablässig fühlt er sich zur Quelle tieferer Freude hingezogen.

Die andere Art von Anziehung ist die, die nach außen hin sichtbar ist. Jemand, der sie verspürt, kann gar nicht anders, als sie in der Form der Ekstase zu manifestieren. Während er sich immer stärker von Gott angezogen fühlt, erlebt er eine ekstatische, überbordende Freude und großes Glück. Diejenigen, die solche Stufen spiritueller Erhebung nicht kennen, meinen, ein solcher Mensch sei verrückt. Seine Stufe der Ekstase lässt sich sehr gut mit den Versen Abd al-Aziz Madschdi Efendis beschreiben:

„Es existiert eine Art von Wahnsinn, Anziehung genannt, die ein wahrer Triumph ist.
Mit ihr gelangt der Wahnsinn zu Mysterien, erhaben und groß."

Offenbar kann die Anziehung in gewisser Hinsicht wie Wahnsinn erscheinen – allerdings nur bei oberflächlicher Betrachtung. Gelegentlich kann es vorkommen, dass ein Verzückter, der in den Wellen der Anziehung hin und her geschleudert wird, einen Teil seiner Wahrnehmungskraft verliert und Anzeichen von Wahnsinn an den Tag legt. Er beginnt, sich in einer Art und Weise zu benehmen, die mit dem gesunden Menschenverstand und den Prinzipien der Scharia unvereinbar ist. In den meisten Fällen jedoch übertrifft der Verzückte in seinen Sinnen und Wahrnehmungskräften die normalen menschlichen Standards; denn im Lichte der Sunna bereist er die Sphären, in die weder Verstand oder andere Gaben noch die Sinne normaler Menschen jemals gelangen können. Diejenigen, die ihn sehen, denken daher, er sei verrückt.

Mit Hilfe der Wahrnehmungskräfte und anderer Sinne sowie mit der Unterstützung Gottes in spirituellen Sphären, die jenseits des Horizonts und der gewöhnlichen Normen von Intellekt und Vernunft liegen, zu reisen, unterscheidet sich vollständig von jener Form des Wahnsinns, welche eine Geisteskrankheit darstellt und die normalen Standards von Intellekt und Vernunft verfehlt.


[1] 57:21
[2] Adschluni, Kaschf al-Khafa’, 1.332
[3] Said Nursi, The Words 2, Izmir 1997, S. 346"

 

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