Das Phänomen Der Auswanderung

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In der Geschichte des Menschen kommt der Auswanderung eine außerordentlich große Bedeutung zu. Neben ihrer allgemeinen Relevanz für den Aufbau von Zivilisationen genießt sie auch im Zusammenhang mit den „heiligen Menschen – jenen Menschen, die dazu auserkoren sind, der ganzen Welt Licht zu bringen – einen besonderen Stellenwert.”
Alle Individuen sind Reisende und deshalb in gewisser Hinsicht auch Emigranten. Ihre Reise beginnt in der Welt der Geistwesen und durchläuft dann die Stationen des Mutterleibs, der Kindheit, der Jugend, des fortgeschrittenen Alters und des Grabes, bis sie schließlich in einer völlig neuen Welt endet. Obwohl jedes einzelne Individuum nur einer von Millionen von Menschen ist, wird es doch als eigenständiges Wesen geboren, lebt es doch sein eigenes Leben, erleidet es doch seinen eigenen Tod und wird doch als eigenständiges Wesen auferweckt werden.

Auch all jene überragenden Persönlichkeiten, die die Menschheit durch die Geschichte geleitet haben, haben ihre erhabenen Missionen bei sich selbst begonnen. Dann verbreiteten sie mit der Fackel, die sie trugen, Licht, ließen die Gedanken und Herzen anderer Menschen erstrahlen, pflanzten ihren Anhängern Hoffnung und Glauben ein und verwandelten die Länder, die zuvor in Finsternis versunken waren, in Stätten des Lichts. Und jede einzelne dieser Führungspersönlichkeiten musste um ihrer Sache willen der Heimat den Rücken kehren.

Glaube, Emigration und erhabenes Engagement sind die drei Grundpfeiler einer einzigen ehrwürdigen Wahrheit. Sie sind die drei „Wasserhähne einer Quelle, aus der das Wasser des Lebens fließt, damit die „Heiligen” aus ihr trinken können; damit sie ihre Botschaft übermitteln können, ohne müde zu werden und sich, wenn die Gegner zu gefährlich werden und die Oberhand gewinnen, ohne Rücksicht auf ihr Heim, ihren Besitz oder ihre Familie in ein neues Land aufmachen können.

Wie erhaben eine Sache auch sein mag und egal, wie nützlich und schöpferisch die hinter ihr stehenden Gedanken auch sind – selbst wenn die Botschaft brillant ist, werden jene, die sie zum ersten Mal hören, sie zwangsläufig in Frage stellen und eine ablehnende Haltung einnehmen. Deshalb gibt es für denjenigen, der die Menschen zu einer neuen Geisteshaltung, zu neuem Glauben, neuer Liebe und neuen Ideen erwecken will, nur zwei Möglichkeiten: Entweder er bewältigt seine Aufgabe in seiner Heimat und setzt sich dabei über alle Arten von Widerstand hinweg, oder aber er bricht auf zu neuen klugen Köpfen und Herzen, um ihnen seine Botschaft anzubieten und seine Inspirationen sprudeln zu lassen.

Jede neue Idee und jede neue Botschaft stößt zunächst auf heftigen Widerstand. Und diejenigen, die sie verkünden, werden in der Regel erst an neuen Orten, an denen sie keine Vergangenheit besitzen, willkommen geheißen. Ähnlich ergeht es auch den „heiligen Menschen”: Sie beginnen mit Glaube und Liebe, dann haben sie mit dem Fehlverhalten und den Irrtümern der Massen zu kämpfen, und schließlich sind sie gezwungen, um des Wohlergehens der Menschheit willen zu emigrieren – selbst wenn sie dafür ihr eigenes Heim und die eigene Familie aufgeben müssen.

Für ein Aufblühen der Wiederbelebung noch vor der Emigration sind zwei Phasen besonders wichtig: In der ersten Phase schult der Mensch, der über eine Bestimmung verfügt, seinen Charakter. Er fließt vor Glauben schier über, ist vor Liebe entflammt, überwindet sein eigenes Ego und verwandelt sich in einen leidenschaftlichen Diener der Wahrheit. In dieser Phase kämpft er gegen die Versuchungen seines sinnlichen Selbst an, was ihm dabei hilft, seinen authentischen spirituellen Charakter zu entwickeln. Dies nennt man den „größeren Kampf” – Al-Dschihad al-Akbar. Dann tritt er in die zweite Phase ein, in der er seiner Umwelt die Lichter des Glaubens entzündet. Diese Phase ist das Tor zur Auswanderung.

Der Begriff Emigration sollte natürlich nicht nur im materiellen Sinne verstanden werden. Vielmehr erfährt der Mensch sein ganzes Leben hindurch auch eine Emigration im spirituellen Sinne. Jede intellektuelle oder spirituelle innere Wandlung – von der Trägheit hin zum Handeln, vom Zerfall hin zur Selbsterneuerung, vom Ersticken in der Sphäre der Sünde hin zur Beförderung in die Sphäre des Geistigen – kann als eine Emigration betrachtet werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass nur jene, denen diese inneren Emigrationen gelungen sind, in sich selbst die Stärke und Entschlossenheit finden können, um eines erhabenen Ideals willen ihr Heim und ihre Familien zu verlassen. Jenen, die es nicht geschafft haben, vom sinnlichen Selbst in das Reich des Geistigen, vom Pomp und Luxus der Welt in die Sphären des Verstands und des Geistes und von den Vergnügungen der Selbstsucht in ein uneigennütziges Leben „auszuwandern”, ist eine Emigration zum Wohlergehen der Menschheit so gut wie unmöglich.

Die Emigration in ihren beiden Dimensionen, der spirituellen und der materiellen, wurde erstmals von den großartigen Propheten Abraham, Lot, Moses und Jesus verkörpert. Sie erstrahlten wie Sonnen am Horizont der Menschheit. In ihrer umfassendsten Bedeutung und Funktion wurde die Emigration von dem großartigsten aller Propheten realisiert, vom Prophet Muhammad, dem Stolz der Menschheit. Seit jener Zeit steht die Tür zur Emigration allen offen, die in seine Fußstapfen treten möchten.

Die Emigration auf dem Weg der Wahrheit und um der Wahrheit willen ist so erhaben, dass die Gemeinschaft der Frommen, die sich um den letzten Propheten geschart und ihre Besitztümer und Seelen für die Sache, an die sie glaubte, und für den einzigartigen Repräsentanten dieser Sache geopfert hatte, von Gott als „die Emigranten” gepriesen wurde (und seitdem so genannt wird). Die Bedeutung der Emigration kommt auch in der Tatsache zum Ausdruck, dass der Anbeginn der gesegneten Ära dieser rechtschaffenen Gemeinschaft weder durch die Geburt des Propheten oder durch die erste Offenbarung noch durch Siege wie jenen in der Schlacht von Badr oder durch die Eroberung Mekkas gekennzeichnet ist, sondern durch die Emigration nach Medina.

Alle Menschen, die um eines hehren Ideals willen emigriert sind, werden den Druck dieses Ideals, das sie dazu drängte, auszuwandern und ihr Leben entsprechend diesem Ideal zu gestalten, permanent verspüren. Die Kritik an einigen Fehlern, die ihnen in ihrer Kindheit oder Jugend unterlaufen sein mögen, bleibt ihnen erspart. In ihrer Heimat würden sie sehr wahrscheinlich an begangene Fehler erinnert und ihretwegen kritisiert werden. Aus den bereits genannten Gründen und weil sie allzu vertraut mit den Menschen wären, hätten sie hier nur wenig Einfluss auf ihre Mitmenschen. In dem Land, in das sie emigrieren, werden sie sich hingegen dank ihrer spirituellen Brillanz, ihrer unverfälschten Ideen, lauteren Absichten und außergewöhnlichen Opfer schnell einen Namen machen. Aus diesen und weiteren anderen Gründen waren es stets die Emigranten, die den Fluss der Geschichte veränderten und eine neue Ära im Leben der Menschen begründen.

Der renommierte britische Historiker Toynbee führt 27 Zivilisationen an, die von Nomaden oder Emigranten ins Leben gerufen wurden. Zu erklären ist dieser Umstand mit der Feststellung, dass sich diese dynamischen Menschen von niemandem unterkriegen lassen. Sie sind nicht an Bequemlichkeit und Komfort gewöhnt und bereit, alles Weltliche zu opfern; sie sind mit allen Arten von Unannehmlichkeiten vertraut und gewillt, überall dorthin zu gehen, wo ihre Sache sie hinführt.

Die rechtschaffenen Menschen um den letzten Propheten, die sich aus der Finsternis der Unwissenheit und Unzivilisiertheit emporgeschwungen und die brillanteste Zivilisation in der Geschichte des Menschen gegründet haben, jene ersten Lehrer einer universellen Religion, die auch heute noch die Hoffnung der Menschheit auf eine glückliche Zukunft hochhält, gaben den ihnen nachfolgenden Generationen in diesem Punkt das beste Beispiel. Denjenigen, die später in ihre Fußstapfen traten, fiel es nicht schwer, gelassen mit Problemen umzugehen. Aus der Verachtung des Todes und alles Weltlichen zogen sie Kraft und Leben, und in der kontinuierlichen Wiederbelebung der Gedanken, des Geistes und des Handelns fanden sie die Ewigkeit. Sie zogen von Land zu Land um überall dort, wo sie sich niederließen, Wissen, Moral und Zivilisation zu verbreiten.

Es ist unsere Pflicht die junge Generation vor Verweichlichung und zu großer Liebe zu den Annehmlichkeiten des Lebens zu bewahren. Dadurch, dass wir dieser Pflicht nachkommen, statten wir sie mit hehren Idealen aus und geben ihr die Möglichkeit zu erkennen, wie sich die Qualen und Sorgen der Menschheit ertragen lassen. Erst wenn diese Aufgabe weitgehend abgeschlossen ist, wird unsere alte Welt Zeuge allgegenwärtigen Glücks werden können.”

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